Wie alles Begann II.

4–7 Minuten
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Zeitraum: Juni 2018 – Juli 2019

Die Tatsache, mich auf mich selbst verlassen zu können und auch eine gute „Problem-Bewältigerin“ zu sein, ließ mich in meinem Sommerjob als Projektbetreuerin bei jenem Musikfestival, bei dem ich später Vollzeit arbeiten sollte, aufblühen. Es machte mir Spaß, das Feedback der Musiker:innen war toll und beflügelte mich, diesen Beruf als Hauptbeschäftigung anzustreben. Endlich hatte ich etwas gefunden, worin ich wirklich gut war und was mir leicht von der Hand ging. 

Ein diesbezügliches Masterstudium sollte gemacht werden und ich beschloss, dieses in Rom – meiner absoluten Lieblingsstadt – zu absolvieren. Bevor das Masterstudium begann, besuchte ich drei Monate einen Italienischkurs. Für meine Verhältnisse war dies Entspannung pur, denn ich hatte nur eine Aufgabe pro Tag; für drei Stunden in diese Schule zu gehen. In diesem Sommer gönnte ich mir viel – Dolce vita vom Feinsten – was aber für sehr lange Zeit die Ausnahme blieb. Mein Masterstudium begann schließlich im Herbst, ein Monat später als ich dachte. Ich wollte aber nicht mehr nur in den Tag hineinleben, sondern sehnte mich nach Struktur und einer Aufgabe, weshalb ich mir ein Betriebswirtschaftsbuch kaufte und anfing zu lernen.  

Als die Kurse begannen, war ich strukturell von Anfang an unterfordert. Manchmal hatte ich nur einen Unterrichtsblock pro Woche und nicht mal so viel zu lernen oder zu schreiben, dass ich die restliche Zeit hätte füllen können. Ich litt sehr darunter, keine Struktur zu haben und fühlte mich leer und unnütz, da ich sah, wie meine Mitbewohner:innen von ihren Studien (Pharmazie und Restauration) tagtäglich gefordert waren.  

In meiner restlichen Zeit in Rom besuchte ich unfassbar viele Museen. Zum einen, weil mich Kunst sehr interessiert, zum anderen, um mich zumindest allgemein zu bilden, wenn ich schon im Studium nicht so viel lernte. 

Aus dieser Motivation heraus entschied ich mich, für den zweiten freien Teil des Masters nach Schweden zu gehen, um dort ein Praktikum bei einem Musikfestival zu absolvieren. Ich wollte meine Zeit immer gut und sinnvoll genützt wissen und möglichst viel Auslandserfahrung in kurzer Zeit sammeln. Es stand für mich nicht zur Debatte, in meiner Komfortzone zu bleiben und einen Gang runter zu schalten.

Wenn ich an Schweden denke, bekomme ich heute noch Schweißausbrüche. Das Tagebuch lag bis heute wie die Büxe der Pandora in einer Kiste und verstaubte. Ich hatte Respekt, mich in die Empfindungen von damals einzufühlen, denn es ging mir wirklich schlecht da oben. Nicht nur, dass es ein enormer Kulturschock war – vom Süden in den Norden – ich musste auch darum kämpfen, eine Entlohnung zu erhalten, damit ich mir zumindest ein Dach über dem Kopf leisten konnte. Die Arbeit war aufgrund mangelnder Kommunikation und Struktur frustrierend. Ich arbeitete von zu Hause aus, kannte niemanden und musste vor Ort fremde Menschen anbetteln, sie mögen uns doch bitte unentgeltlich helfen. Zusätzlich hatte ich damals Herzprobleme (eine vermutete Herzmuskelentzündung, die inzwischen schon beim Abheilen war) und reagierte bei Stress mit extrem hohem Puls, was mein Wohlbefinden nicht unbedingt förderte. Privat hatte ich mit einer gebrochenen schwedischen Freundschaft zu kämpfen, einer der beiden Kontakte, die ich dort oben hatte. Ich gebe es zu, es war nicht nur Freundschaft für mich, sondern ich hatte wochenlang schlimmen Liebeskummer und da man sich immer nur per Whatsapp kontaktiert hatte, war es für mich nicht greifbar und unreal, was es unfassbar schwer machte, damit umzugehen und dieses Thema abzuhaken. Mein Tagebuch erzählt mir, dass ich meine Freundinnen in dieser Zeit wohl mit diesem Thema ordentlich belagert hatte. 

Die Kombination aus vielen ungünstigen Umständen war einfach zu viel für mich. Es endete mit einem kurzzeitigen Zusammenbruch, wie ich ihn noch nie erlebt hatte. Ich konnte nicht mehr arbeiten und durchlebte schon vormittags unzählige Heulattacken. In dieser Zeit waren meine besten Freundinnen trotz Distanz eine unglaublich tolle Stütze für mich. Eine davon begleitete mich damals mit täglichen Anrufen am Vormittag, da sie aus (Depressions)-Erfahrung wusste, dass es zu dieser Zeit am schwierigsten war. Außerdem bekam ich von ihr ein Päckchen aus der Heimat gesendet mit einem schönen Buch zur Aufheiterung und Freundschaftsbändchen. Die Telefonate gaben mir ein wenig Halt und Struktur, wofür ich unfassbar dankbar war und immer noch bin. Von einer anderen Freundin bekam ich ebenfalls ein Care-Paket inklusive Buch und Taschentücher. An dieser Stelle ein Hoch auf meine wunderbaren Freunde und Freundinnen, auf die ich immer zählen kann! Außerdem hatte ich – recht fortschrittlich, denn wir befinden uns vor der Corona-Pandemie – über Skype online Psychotherapiestunden durch meine Psychologin, die mich schon von früheren Therapiesitzungen recht gut kannte.
Während der restlichen Stunden des Tages versuchte ich, mit Bewegung, bzw. Sport, mein Stresslevel zu senken und Entspannung zu fördern. 

Da das Festival vor der Türe stand und somit neue Struktur und Begegnungen mit sich brachte, verweilte ich zum Glück nur kurz (eine Woche, die sich aber unglaublich lang anfühlte) in diesem Zustand und es wurde von Festivaltag zu Festivaltag besser. Schließlich sah ich auch, dass es sich durchaus lohnte, dafür zu arbeiten, denn künstlerisch war es wirklich anspruchsvoll und etwas ganz Besonderes. 

Meine schwedische Mitbewohnerin machte es mir kurz nach dem Festival sehr leicht, Schweden zu verlassen, da sie sich in meiner Abwesenheit mit ihrem neuen Freund in meinem Bett vergnügte und nicht mal den Anstand hatte, es sauber zu hinterlassen. Zu dieser Zeit besuchte mich eine sehr liebe Freundin und ich realisierte, wie sehr ich die Heimat und meine Freundinnen vermisste. Für eine Weile wollte ich sogar in Schweden bleiben und mir einen Job suchen, denn ich hatte die feste Vorstellung, dass es in meiner Heimatstadt ohnehin keinen geeigneten Job für mich in dieser Branche gäbe, da alle Stellen beim für mich wichtigsten Musikfestival besetzt waren. 

Erst sehr spät erkannte ich, dass ich es mir unnötig schwer gemacht hatte ins Berufsleben zu starten; in einem fremden Land, ohne Sprachkenntnisse, ohne Freunde, ohne Kontakte und schlussendlich ohne Wohnung – denn eines war klar, bleiben wollte ich in dieser Wohnung nicht mehr. Ich beschloss von einen Moment auf den anderen, wieder nach Hause zu ziehen und nahm dann vier Tage später den erstbesten Flieger. 

Meine Masterarbeit schrieb ich innerhalb von vier Wochen zu Hause, machte anschließend noch einen Abstecher nach Rom für meine Abschlussprüfung, bevor ich dann im Herbst in meiner Heimatstadt Job und Wohnung suchte. Nach dieser Erfahrung schätze ich meine Heimat, mein Zuhause und mein gesamtes Umfeld wie nie zuvor.

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