Zeitraum: September 2019 – 2021
Von außen betrachtet war meine Situation im Herbst 2019 recht aufregend, denn ich suchte meine erste eigene Wohnung und zum ersten Mal in meinem Leben einen Vollzeit-Job. Doch für mich war diese unsichere Situation, nicht zu wissen wo man arbeiten oder wohnen wird, unheimlich belastend und stressig. Es gab für mich keinen Halt und keinen Rückzugsort, dafür aber finanzielle Hürden zu meistern. Zu Beginn dieser Phase meldete sich auch mein Körper mit starken Symptomen; massive Magenschmerzen und ein Druck unterhalb der Rippen. Ich konnte kaum noch normal essen, war ständig angespannt vor Schmerz und schlief in halb aufrechter Position, weil ich nur so weniger Beschwerden hatte und besser einschlafen konnte. Nach einer halben Ewigkeit – gefühlt – bekam ich dann die Diagnose; Barrett-Metaplasie.
Unter diesem Begriff versteht man eine Schleimhautveränderung, die normalerweise aufgrund eines Reflux Syndroms auftritt. Bei mir kam diese Veränderung aber ohne Vorwarnung, denn ich hatte zum Glück vorher nie mit Reflux zu kämpfen. Meine persönliche Erklärung war damals, dass ich in Rom meinen Masterabschluss mit zu viel Kaffee und Wein gleichzeitig gefeiert hatte – Dolce Vita eben. Genau zu diesem Zeitpunkt traten die Symptome nämlich erstmals auf.
Doch im Nachhinein verstand ich, dass es mehr als nur einen Moment braucht, in dem man sich falsch ernährt, um so eine Schleimhautveränderung auszulösen.
Bei dieser Umwandlung handelt es sich nämlich um die Vorstufe von Speiseröhrenkrebs. Als ich diese Diagnose bekam, zog es mir kurz den Boden unter den Füßen weg, denn ich sah schon das Schlimmste kommen. Meistens, sagte man mir damals, verschwindet diese Veränderung wieder nach monatelanger Therapie. Zum Glück war ich einer dieser Fälle!
Es war ein langer, unangenehmer Weg aber mit medikamentöser Therapie, guter Ernährung und konsequentem Verzicht auf Kaffee, Alkohol und alle für den Magen anspruchsvollen Lebensmittel, war ich nach zwei Jahren schmerzfrei und konnte von da an wieder Kaffee genießen. Jede Tasse zelebriere ich heute ganz besonders.
Rückblickend sehe ich diese Phase als Warnschrei meines Körpers, der damit auf ein zu hohes Stresslevel aufmerksam machen wollte. Weder damals noch heute wüsste ich aber, wie ich die Situation an sich hätte ändern können, denn manchmal muss man sich seinen Halt erst schaffen. Heute würde ich mir zumindest den Tipp geben, alles etwas lockerer zu sehen und mich nicht selbst noch zusätzlich unter den hausgemachten Druck des Perfektionismus zu setzen.
Es wurde nämlich alles besser: Ich fand schnell eine Wohnung, in der ich mich wohl fühlte und auch einen Job. Dieser hatte zwar gar nichts mit meiner Ausbildung zu tun, war aber für mich ein guter Start, während ich auf ein Angebot in meiner Branche wartete. Es dauerte nicht lange, bis ich auch tatsächlich etwas fand, das zumindest im weitesten Sinne mit meiner Ausbildung zu tun hatte. Ich begann in der Verwaltung der Musikuniversität in meiner Stadt zu arbeiten und war super glücklich, diesen Job ergattert zu haben. Zwei Wochen nach meinem Arbeitsbeginn kündigte sich dann der erste Lockdown an und die Corona-Zeit begann. Aus dieser Zeit kam ich zum Glück relativ unbeschadet davon. Lediglich die Einsamkeit in meiner kleinen Wohnung und etwas distanziertere Freundschaften aufgrund von Meinungsverschiedenheiten belasteten mich. Nichtsdestotrotz war es nicht einfach – aber für wen war es das schon?
So wie während meines Studiums, stellte ich meine Ansprüche an mich selbst auch in dieser Phase auf sehr hohe Ebene und beschloss, neben meinem Job an der Uni meine eigene Agentur aufzubauen. Inhaltlich änderte sich zwar nicht viel, denn ich hatte seit meiner Rückkehr aus Schweden wieder angefangen, für ein Vokalensemble zu arbeiten, äußerlich wollte ich aber einen professionellen Rahmen um diese Tätigkeit legen. Es war aber auch finanziell notwendig, mir einen Nebenverdienst anzuschaffen, denn mit dem Gehalt der Musikuniversität kam ich kaum mit einem Plus über die Runden (hohe Mietpreise und ein Auto machen’s möglich). Obwohl das Pensum in der Musikuniversität im Großen und Ganzen gut machbar gewesen wäre, schaffte ich mir also wieder zusätzliche Aufgaben, Druck und Stress. Natürlich hatte ich auch Freude daran, das Vokalensemble zu managen und ich muss zugeben, in der Corona-Zeit gab es statt Projekten hauptsächlich Absagen zu managen, aber trotzdem kam es zu Stress-Spitzen, die eigentlich nicht hätten sein müssen, als Livestreams möglich waren. In dieser Zeit, dachte ich, es würde nicht reichen „nur“ einen Job zu haben, ich müsste mehr leisten, weil ich mehr leisten konnte.


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