Zeitraum: Oktober 2021 – Oktober 2022
Nach ca. eineinhalb Jahren an der Musikuniversität wurde ich von dem Musikfestival, für das ich schon während meiner Studienzeit gearbeitet hatte, abgeworben. Ich durfte eine sehr verantwortungsvolle Stelle übernehmen, auf deren Schreibtisch unglaublich viel Arbeitslast lag. Ich zögerte zuerst etwas, da ich wusste, worauf ich mich einließ: Nämlich, dass dieser Job nicht nur 100%, sondern 150% Einsatz von mir fordern würde. Ich musste mir aber eingestehen, dass es eigentlich der Job war, für den ich all meine Ausbildungen und Studien absolviert hatte. Mein Traumjob also. Ich trat die Stelle mit der Absicht an, baldest möglich meine Nebentätigkeit für das Vokalensemble und somit meine Agentur aufzugeben. Das zusätzliche Einkommen benötigte ich hier zum Glück nicht mehr. Die ersten Monate waren fordernd und intensiv, aber ich lernte in kurzer Zeit mehr über Kulturmanagement als während meines Masterstudiums. Für diese Erfahrung bin ich unglaublich dankbar.
Von Anfang an war diese Arbeitsstelle begleitet von privaten Ausnahmesituationen: meine Mama wurde in diesem Jahr immer pflegebedürftiger und musste einige Male ins Krankenhaus. (In einem folgenden Beitrag werde ich näher auf dieses Thema eingehen). Die schlimmste private Phase traf sich schließlich mit der Stress-Spitze des Festivals – perfektes Timing!
Zweimal passierten Unfälle an Tagen, an denen ich selbst Konzerte zu betreuen hatte. Die Rettung rief an, meine Mama sei wieder Mal gestürzt. Ich wusste aber nie, wie schwer sie wirklich verletzt war und fuhr mit der schlimmsten Erwartung ins Krankenhaus. Beide Male sprangen dankenswerterweise meine Arbeitskolleg:innen und meine Chefin für mich ein und managten den Ablauf der Konzerte. Mein Körper meldete sich auch hier wieder mit einem unangenehmen Zeichen: Blasenentzündung, (eine Schwachstelle seit Kindheitstagen), die bis in den Herbst hinein chronisch wurde.
Am Ende des Festivals, an dem man ohnehin am Zahnfleisch angekrochen kommt, war ich fix und fertig: körperlich und psychisch. Als die letzte Arie des Abschlusskonzertes erklang, brach ich in Tränen aus, weil ich heilfroh war, dass dieser Alptraum zu Ende war. Es tut mir sehr leid, dies so bezeichnen zu müssen, denn im Grunde finde ich das Festival, die Musiker und die Musik großartig, aber hinsichtlich des Belastungslevels war es für mich tatsächlich das absolut schlimmste mögliche Szenario.
Arbeitstechnisch hatte ich nach ein paar Tagen der Festival-Nachbearbeitung drei Wochen heiß ersehnten Urlaub. Zu Beginn war eine Kreuzfahrt mit meinem Bruder und der Familie seines Partners gebucht. Super Timing natürlich, dass wir beide für eine Woche praktisch nicht erreichbar waren und unsere Mama im Krankenhaus lag bzw. in dieser Zeit in ein anderes Krankenhaus verlegt wurde. Wir organisierten viel im Vorhinein und auch am Schiff mussten einige Telefonate geführt werden. Nichtsdestotrotz war es aber eine schöne Reise, die wir zumindest teilweise genießen konnten. Es wurde in dieser Zeit immer klarer, dass unsere Mama alleine nicht mehr in ihrem Haus wohnen konnte. Wie man sich vorstellen kann, war es ein Kampf, sie zur Einsicht zu bewegen. Wir respektierten aber ihren Wunsch, vorerst noch zu Hause zu bleiben.
In den restlichen zwei Urlaubswochen wechselten mein Bruder und ich uns mit der Organisation der Verlegung in ein anderes Krankenhaus, der 24-Stunden Pflege und mit der Einarbeitung der Pflegeperson zu Hause ab. Wir waren beide nochmal – abwechselnd – eine Woche, in der jeder von uns trotzdem wichtige Telefonate führen und gemeinsame Entscheidungen treffen musste, im Urlaub. Für meine Freundin, mit der ich in dieser Woche unterwegs war, war es belastend, diese Gespräche mithören zu müssen, ich hatte aber zu diesem Zeitpunkt leider keine Kapazität für Verständnis ihrer Bedürfnisse, weil ich einfach immer noch absolut überfordert und super angespannt war und nicht einmal meine eigenen Bedürfnisse in dieser Situation Platz hatten. Leider kann man sich als außenstehende Person nicht vorstellen, was es bedeutet, sich um ein pflegebedürftiges Elternteil zu kümmern, wenn man selbst nie in dieser Situation war. Im Nachhinein verstehe ich das und mache niemandem Vorwürfe, aber damals hoffte ich verzweifelt, sie würde meine Situation besser verstehen. Diese Spannungen, vor allem auch zwischen uns, prägten teilweise den Urlaub. Meine Ressourcen waren zu diesem Zeitpunkt aber einfach ausgeschöpft, sodass ich mich gezwungen fühlte, die verbleibende Energie hauptsächlich in meine Familiensituation zu stecken.
Zum gleichen Zeitpunkt – es war Anfang September – stellte sich heraus, dass meine Nachfolgerin in der Organisation des Vokalensembles aus gesundheitlichen Gründen für die nächsten Projekte, die unmittelbar bevorstanden, ausfiel. Es gab niemanden, der das Vokalensemble und die Abläufe besser kannte als ich und kurzfristig einspringen konnte. Zumindest fiel mir kurzfristig niemand ein. Ich erklärte mich also bereit, diese beiden Projekte organisatorisch – nebenher versteht sich – zu betreuen. Bis spätestens Weihnachten hatte ich mir das Ziel gesetzt, eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger eingearbeitet zu haben. Gesagt, getan. Ich fand die perfekte Nachbesetzung, allerdings dauerte es ein Weilchen, bis alle Arbeitsschritte einmal durchlaufen waren und man das erste Konzert gemeinsam organisiert hatte. Die Hauptverantwortung lag trotzdem noch auf meinen Schultern.
Natürlich war das noch nicht genug: Es stellte sich bald heraus, dass die Situation zu Hause mit einer 24-Stunden Betreuung mäßig bis schlecht funktionierte, da die Dame leider kaum eine Sprache beherrschte, mit der sie sich mit meiner Mama hätte verständigen können. Das war leider bei ihrer komplexen Medikation ein großes Problem. Die Alternative, in ein Altersheim zu übersiedeln, wurde schließlich von meiner Mama schweren Herzens akzeptiert. Sie bekam in ihrer Heimatgemeinde, 1,5 Autostunden von meinem Wohnsitz entfernt, quasi sofort einen Platz. Ein unglaublicher Glücksfall.
Als Folgeerscheinung dieser Situation tat sich für mich die Möglichkeit auf, in mein Elternhaus zurück zu ziehen und dieses auch in allen Belangen zu übernehmen. Für mich wäre es eine größere Belastung gewesen, mich um meine Wohnung und um das leerstehende Haus mit Garten zu kümmern, – auch wenn das bis dahin teilweise schon der Fall gewesen war, weil meine Mama sich praktisch um nichts hatte kümmern können. Ich beschloss also, so bald wie möglich in das Haus zu ziehen.
Ich empfand es als Rückschritt, in mein Elternhaus zu ziehen, in dem nicht nur der Keller mit Gerümpel voll war, sondern auch viele andere Teile des Hauses. Ich hatte praktisch für meine eigenen Sachen keinen Platz. Außerdem stank es zu diesem Zeitpunkt im Keller nach Schimmel, und ich hatte Angst, dass sich dort ein massiver Befall versteckte. Darüber hinaus sprachen mich die vorhandenen dunkelbraunen Holztüren und 70-er-Jahre-Fließen nicht an. Es war nicht mehr mein Zuhause, sondern das meiner Mama. Eine Entrümpelung und anschließende Renovierung (Malen Möbeltausch, Vorhangtausch etc.) stand also an. Als Umzugszeitpunkt hatte ich mir die Weihnachtsfeiertage vorgenommen, denn da hatte ich ohnehin Urlaub und hoffte auf helfende Hände. Mich überforderte der Gedanke, neben meinem 40-Stunden Job umzuziehen und alles für mich wohnlich einzurichten, damit ich mich zu Hause fühlte, weshalb ich dies alles in den Weihnachtsfeiertagen erledigen wollte. Ich finde es schrecklich, zwischen Umzugskartons zu leben und wollte diese Situation, so gut es ging, vermeiden und alles so schnell wie möglich hinter mich bringen. Ich startete also mit großen Vorhaben in den Herbst.


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