Showdown II.

4–7 Minuten
4–7 Minuten

Zusammengefasst hatte ich folgende Aufgabenbereiche im Herbst 2022:
– Meine Mama darauf vorbereiten, dass sie ins Altersheim kam und ihren Umzug organisatorisch planen.

– Das Elternaus entrümpeln und renovieren

– 40 Stunden pro Woche für das Festival arbeiten

– zwei Großprojekte eines Vokalensemble organisatorisch betreuen

Dass das alles unglaublich viel sein würde, kam auch mir zu Beginn des Oktobers vor und ich beschloss, gemeinsam mit meiner Chefin meinen gesamten offenen Zeitausgleich und meine offenen Urlaubstage bis Weihnachten in Anspruch zu nehmen und so beim Festival etwas kürzer zu treten. Nichtsdestotrotz hatte ich dort immer noch einiges zu tun. Wie sah also mein Alltag mit vier riesigen Bällen aus, die ich gleichzeitig in der Luft halten musste?

Nach einem 8 Stunden Tag kam ich nach Hause und setzte mich meist sofort an meinen privaten Laptop, um meine E-Mails bezogen auf das Vokalensemble abzurufen und abzuarbeiten. Meistens verbrachte ich ein bis zwei Stunden vor dem Computer, bevor ich mir dann schnell noch etwas zu essen suchte. Für mein montägliches Yoga hatte ich in dieser Zeit weder Energie noch Lust. Schade, denn eigentlich wäre das etwas gewesen, was mir eventuell auch bei der Stressbewältigung hätte helfen können. Wie dem auch sei, am Freitagnachmittag, wenn ich nicht ohnehin den Tag (vom Festival) frei genommen hatte, startete dann der Aufgabenbereich „Entrümpelung“. Zunächst begann ich im Keller, denn Mama wohnte ja noch zu Hause und ich wollte sie nicht unnötig stressen. Von meinem Vater hatte ich einen Anhänger ausgeliehen und fuhr damit unzählige Male vollgefüllt zur Mülldeponie. Ich kann nur versuchen zu beschreiben, was sich in 30 Jahren im Keller angesammelt hatte: Baumaterialien in der Werkstatt (Kies, alte Holzbretter, undichte Lack- und Farbdosen, kaputte Teile von Gartengeräten, alte Schläuche, Styropor), im Lagerraum ging dann die hauseigene Mülldeponie weiter (Stangen für ein Partyzelt – ohne Plane versteht sich, ein alter Tisch, ein Rasenmäher, der nicht mehr gebraucht wurde, ein Trampolin, alte Verpackungen von Elektrogeräten, selbst gebastelte Faschingsdekorationen aus fast allen Schuljahren, Unmengen an Weihnachtsdekoration, alte Teppiche, Stühle etc.). Dann gab es noch einen Raum mit Bücherregalen, in dem unzählige alte Medizinbüchern von meiner Mama gelagert waren, sowie Unterlagen zum Haus und zu einfach Allem). Teilweise half mir mein Bruder beim Ausmisten, den Großteil entsorgte ich aber alleine. Als zart gebaute Frau war es für mich unfassbar anstrengend, schwere Dinge bis zum Anhänger (zwei Stockwerke) zu tragen, anschließend dort ein- und an der Mülldeponie wieder auszuladen. Ich ging definitiv an meine körperlichen Grenzen und sehr oft darüber hinaus. Gekonnt ignorierte ich die Bedürfnisse meines Körpers, denn mein Kopf war um so Vieles stärker und wollte die Dinge erledigt haben, die zu erledigen waren. Es fehlt mir rückblickend das Bewusstsein, ab wann es mir körperlich schlechter ging, sprich: ab wann erste Erschöpfungszeichen genau eingetreten sind. Ich spürte es erst Anfang Dezember, als ich bereits so erschöpft war, dass ich nicht das erste Mal (!) nur mehr im Homeoffice im Liegen arbeiten konnte. Und das eher schlecht als gut. 

Ein Symptom, das ich schon im Sommer vermehrt bemerkt hatte, waren massive Schlafstörungen. Ich schlief zwar schnell ein, weil ich meist sehr müde war von meinen anstrengenden Tagen, jedoch wurde ich entweder durch Alpträume wach oder durch Schlafwandeln. In den vergangenen Jahren zeichneten sich immer wieder Alpträume besonders in Stressphasen ab, die auch wieder verschwanden, sobald sich die Situation wieder entspannt hatte. Das Schlafwandeln war aber mit Sommer 2022 neu hinzugekommen. Meist stand ich dabei von meinem Bett auf und hatte den Drang aus meiner Wohnung zu gehen. Die Haustüre meiner kleinen Wohnung war nicht weit entfernt von meinem Schlafzimmer, weshalb ich in drei bis vier Schritten an der Tür stand, diese im Schlaf entriegelte und öffnete. Zum Glück wachte ich meistens in dem Moment auf, in dem ich die kalte Luft spürte und der Drang etwas zu tun, nachließ. Es fiel mir nichts mehr ein, was ich außerhalb der Wohnung hätte machen sollen. Im Nachhinein interpretiere ich diese im Schlaf verspürte Unruhe als Hilfeschrei meines Körpers, meinen akuten Stresssituationen (durch die Haustüre) zu entfliehen. 

Das erste von zwei Projekten des Vokalensembles fand Ende Oktober statt und belegte einige „freie“ Tage. Im Großen und Ganzen funktionierte alles recht gut, wobei ich zugeben muss, dass ich sehr froh war, als dieses Projekt hinter mir lag.Ende November lud ich einige meiner Freunde zu einer „Anstreichparty“ ein, weil mir klar wurde, dass ich nicht alles alleine schaffen werde. Natürlich wollte ich meinen Helfer:innen auch eine Stärkung bieten, die aber ebenfalls vorgekocht bzw. besorgt werden musste. Es war alles zeitlich genau geplant, besonders alle Renovierungsschritte im Haus. Zum Beispiel galt es, Trocknungszeiten bei diversen Oberflächen einzuhalten.
Wie so oft bei einem älteren Haus, stößt man während einer Renovierung aber auch auf unerwartete Mehrarbeit, die unbedingt vor dem nächsten eigentlich geplanten Schritt erledigt werden muss. Das Herausforderndste für mich persönlich war, dass nach dem Abkratzen der Tapeten in der Küche, Rigipsplatten zum Vorschein kamen, die nicht einfach überstrichen werden konnten, sondern verputzt werden mussten. Nach einem kurzen Moment der Verzweiflung dachte ich mir, dass das wohl nicht so schwer sein konnte und beschloss, das Problem – wieder einmal – alleine zu lösen. Ich lieh mir die benötigten Werkzeuge und fand noch einen alten Sack Verputzmaterial. Zum Glück war zu Beginn ein Bekannter dabei, der mir bei den ersten Schritten half und mir zeigte, wie man den Putz anrührte und verspachtelte. Auch für ihn war das relativ neu, aber zumindest hatte er mehr Ahnung davon als ich. Wir verputzten also fröhlich drauf los, bis zu dem Zeitpunkt, – ja, man ahnt es schon – als uns der Putz ausging. Mit einer halb verputzten Wand stand ich also in meinem Haus, während sich die Verzweiflung wieder bemerkbar machte. Es war wieder ein extra Schritt, den ich zwischendrin einschieben musste: in den Baumarkt fahren, um Material zu kaufen. Die zweite Hälfte der Wand verputze ich dann alleine. Man kann sich vorstellen, dass ein wenig befriedigendes Ergebnis daraus resultierte. Ich konnte die Wand noch durch Einebnen bzw. Abschleifen retten und akzeptiere das Ergebnis schlussendlich mit der Ausrede, dass es ja meine erste Wand war, die ich verputzt hatte. Weitere Dinge, die zusätzlich entstanden, waren größere Löcher in der Wand, die beim Entfernen der Bilderhaken entstanden. Auch diese mussten mit Masse geschlossen werden, bevor dann bei der Anstreichparty alles übermalt werden konnte. Zum Glück hatte ich großartige Freunde, die mir unglaublich viel halfen und eine Cousine, die sich ein ganzes Wochenende Zeit nahm, um mir zu helfen. Mein Renovierungszeitplan ging auf und der Umzug konnte angepeilt werden.

4–7 Minuten

Hinterlasse einen Kommentar