Das zweite Großprojekt, inklusive Fernsehaufzeichnung, stand Anfang Dezember an und brachte – wie schon kurz erwähnt im Beitrag Showdown Part II. – eine erste Erschöpfungsphase mit sich.
In den letzten Tagen vor dem Konzert, an denen ich stets am Wochenende mit vollem Körpereinsatz beim Renovieren war, machte sich nun erstmals eine nicht mehr zu ignorierende Müdigkeit und Erschöpfung bemerkbar. Mich krank zu melden, kam selbstverständlich nicht in Frage, denn da hätte sich ein schlechtes Gewissen meinem Arbeitgeber gegenüber breit gemacht und vor allem musste ich beim anstehendem Projektbeginn für das Vokalensemble arbeiten und singen. Ich beschloss, die ersten drei Tage der Woche im Homeoffice, besser gesagt im Bett zu arbeiten, was natürlich eher schlecht als gut funktionierte. Die Konzentration war schon am unteren Limit und es war alles unfassbar anstrengend.
Ein langes Proben- und Konzertwochenende stand bevor (08. Dezember). Ich dachte, dass meine Erschöpfung von einem Infekt kommen würde und ließ mir bei meinem Hausarzt eine Infusion anhängen. Das half auch, jedoch ging es mir so schlecht, dass ich eine Probe und ein Konzert aussetzen musste, weil es von enormer Wichtigkeit war, dass ich beim letzten Konzert vor Ort war und mitsang. Dieses Konzert war nämlich eine Fernsehproduktion. Ich versuchte mich also so gut wie möglich zu schonen und war am Tag des letzten Konzertes eigentlich wieder fast fit. Ich konnte singen und gleichzeitig vorher und nachher organisieren. Ohne meine zukünftige Nachfolgerin als Unterstützung hätte ich es aber nicht geschafft. Sie half, wo sie konnte und sprang statt mir agil zwischen den Musiker:innen und Sänger:innen hin und her, obwohl sie selbst einen Infekt hatte. Wir waren also alle nicht ganz auf der Höhe mit unserer Gesundheit, aber das Projekt und die Fernsehproduktion liefen super und brachten ein mehr als zufriedenstellendes Ergebnis, auf das wir alle sehr stolz waren.



Am Montagmorgen nach dem Konzert, war ich schon wieder für das Festival im Einsatz. Ich war sehr müde, aber mein Energielevel war definitiv besser, als die Woche zuvor. Weitere Konzerte am bevorstehenden Wochenende waren geplant, diesmal mit einem anderen Programm, jedoch mit demselben Vokalensemble. Ich musste zum Glück immer weniger organisieren, weil viele Prozesse schon fast selbstständig liefen. Ich freute mich sehr auf das gemeinsame, musikalische und weihnachtliche Erlebnis. An diesem Wochenende hatte ich lediglich zwischen den Proben und den Konzerten etwas Zeit, die ich damit verbrachte, die letzten Lackschichten auf die Türen in meinem Haus aufzutragen und nochmal schnell ins Möbelhaus zu hetzen, um die letzten Einkäufe vor Weihnachten zu erledigen. Zwischendrin verschleuderte ich dann noch meinen ersten freien Sonntagvormittag seit Monaten als Aushilfe in einem Kirchenchor, den ein guter Bekannter leitete. Ich konnte ja mitsingen, denn ich hatte ja Zeit. Zu diesem Zeitpunkt war ich aber wirklich schon sehr müde und freute mich auf die Weihnachtsfeiertage.
Der folgende Montagmorgen war nun der Beginn heftiger Symptome. Ich war so erschöpft, dass ich mich kaum konzentrieren konnte und mich zu Mittag auf die Couch in unserer Büro-Küche legen musste. Meine Chefin wurde auf mich aufmerksam und schickte mich nach Hause. Dadurch, dass die Weihnachtsfeiertage bevorstanden, war nichts Dringendes mehr zu erledigen und sie gab mir quasi den Hinweis, ich solle doch in den Krankenstand gehen. Selbst zu diesem Zeitpunkt, gestand ich es mir nicht von selbst zu, mich krank zu melden. Es musste mir jemand anderer die „Erlaubnis“ dazu geben. Wenn ich an diese Situation denke, bekomme ich ein schlechtes Gewissen mir selbst gegenüber, denn ich habe so fahrlässig auf mich selbst geachtet.
Die nächsten drei Tage verbrachte ich damit, mich vorwiegend im Bett auszuruhen. Nebenher bereitete ich aber dennoch meinen Umzug vor, denn dieser stand trotz allem felsenfest bevor. Ein Freund half mir beim Kisten packen, bevor ich dann gemeinsam mit meinem Bruder zu unserer Mama aufbrach, um gemeinsam Weihnachten zu verbringen. Die Erschöpfung stand mir buchstäblich ins Gesicht geschrieben. Ich konnte nichts machen. Mein Bruder kochte und kümmerte sich um alles, inklusive um unsere Mama, weil ich nicht genug Energie dafür hatte. Wir fuhren am nächsten Tag wieder nach Hause, wo ich weiter mit allerletzten Kräften den Umzug vorbereitete. Es ging dann irgendwie, weil es wieder einmal funktionieren musste, aber meine Symptome wurden immer schlimmer, denn meine Belastungsgrenzen wurden in diesen Tagen tagtäglich kilometerweit überschritten. In den ersten Weihnachtsfeiertagen gab es nochmal eine organisierte Hilfsaktion meiner Freunde und Familie. Es rückten zahlreiche willige Helferlein an, die die letzten Schritte im Haus erledigten; Vorhänge kürzen, Möbel aufbauen und aufstellen, Küchenkästen auswischen, Küchenbank neu beziehen, Spiegel aufhängen und so weiter. Dinge, für die ich absolut keine Energie mehr hatte. An diesem Tag delegierte ich nur noch, weil ich selbst nichts mehr auf die Reihe brachte und mir alle rieten, so wenig wie möglich selbst Hand anzulegen. Zahlreiche Tränenausbrüche begleiteten diesen Tag, da ich teilweise schon vom Stiegen-Steigen überfordert war. Und doch schleppte ich mich durchs Haus, meistens um Fragen meiner Helfer:innen zu beantworten.


Der Tag des Umzuges war gekommen und sog endgültig die allerletzten Kräfte aus meinem Körper. Gemeinsam mit meinem Bruder, seinem Partner und einer Freundin, schafften wir in einem Anlauf alle restlichen Möbel und Kisten aus meiner Wohnung in das Haus. Abgesehen von essentiellen Möbeln, wurden an diesem Tag nur wenige Kartons ausgepackt und ich sah ein, dass ich mich ausruhen musste. Allerdings nur am Nachmittag, denn für abends hatte mein Bruder Kinokarten besorgt – ohne mich vorher zu fragen (lieb gemeint, war aber in diesem Moment für mich eine Belastung). Ich fühlte mich absolut nicht dazu ins Kino zu gehen, aber auch hier ignorierte ich Bedürfnisse, um keine schlechte Stimmung aufkommen zu lassen, denn ich wollte die Karte nicht verfallen lassen. Wir sahen uns einen 3,5 stündigen Action-Film an. Der perfekte Film für jemanden, der sich erschöpft und schon reizüberflutet auf den Kinosessel setzt. Es endete damit, dass mein Körper sich mit aller Gewalt gegen alle Sinneseindrücke wehrte. Es war zu laut, es waren zu viele Lichtblitze und zu viele Gerüche von Popcorn und Nachos in der Luft. Mir wurde so schlecht, dass ich dachte, mich übergeben zu müssen. Nach 2,5 Stunden verließ ich den Saal und legte mich auf eine Couch im Foyer des Kinos. Ich wollte eigentlich nur nach Hause ins Bett. Diese Situation gipfelte dann noch in einer heftigen und tränenreichen Auseinandersetzung mit meinem Bruder, bevor ich mich endgültig auf den Weg in Richtung Bushaltestelle machte und alleine nach Hause fuhr. Damals war mir noch nicht bewusst, dass ich mein neues (altes) Zuhause für sehr lange Zeit nicht mehr verlassen sollte.


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