Bevor ich in mein Burnout geriet, war ich es gewohnt, über unzählige Dinge parallel nachzudenken und weit voraus zu planen. Mein Gehirn war ununterbrochen gefordert, weil ich jede freie Sekunde, die ich hatte, damit verbrachte, nachzudenken und zu planen, wie zum Beispiel die nächsten Renovierungsschritte im Haus, die wichtigsten To-Dos in der Arbeit oder die Einkaufsliste für das Abendessen.
Jeder hat schon mal die Schlüssel an einen ungewöhnlichen Platz gelegt und sie anschließend nicht mehr wiedergefunden. Im Burnout multipliziert sich dieses Phänomen um das gefühlt 100-fache. Es fällt schwer, einfachste Dinge auszuführen, weil man ständig durch andere Gedanken unterbrochen wird. Damit ist gemeint, dass man zum Beispiel ein paar Anläufe braucht, bis das Frühstück auf dem Tisch steht. Es kann sein, dass man zunächst eine Schublade öffnet, in der Hoffnung ein Messer zu finden und vorerst einige Sekunden in diese Schublade starrt, bis man realisiert, dass man in dieser Schublade kein Messer fürs Marmeladebrot finden wird.
Plötzlich zu akzeptieren, dass ich keine Kapazität mehr hatte, Gedanken zu Ende zu führen, weil dafür die Konzentration nicht reicht, fiel mir anfangs unglaublich schwer. Es fühlte sich an, als ob 75% meiner Gehirnzellen plötzlich abgestorben wären und mein IQ drastisch gesunken wäre. Selbst im 8. Monat meines Burnouts sind Konzentrationsstörungen meine alltäglichen Begleiter. Für einfachste Haushaltstätigkeiten, brauche ich oft einige Anläufe. Am meisten fühle ich mich beim Kochen beeinträchtigt, denn da ist es besonders wichtig, einen Schritt nach dem anderen auszuführen. Blöd, wenn man sich die Schritte weder merken, noch beim ersten Mal zu Ende führen kann. Unzählige Male bin ich schon vor dem offenen Kühlschrank gestanden, optisch überfordert von den vielen Objekten und habe verzweifelt versucht, mich daran zu erinnern, was ich aus dem Kühlschrank holen wollte. Ein absoluter Klassiker stellt auch das Zubereiten eines Getränkes dar, meist lediglich ein Wasserglas. Ich stelle sehr oft das leere Glas auf den Tisch, weil meine Aufmerksamkeitsspanne nicht für den zweiten Teil, nämlich das Befüllen des Glases, reicht. Obwohl ich jeden Tag damit zu kämpfen habe und diese Störungen großteils akzeptiere und versuche, diese mit viel Geduld zu ertragen, fühle ich manchmal Verzweiflung in mir aufsteigen, da mir die vielen Anläufe mehr Energie rauben, als ich aufwenden möchte. Wenn ich merke, dass meine Konzentration besonders niedrig ist, spreche ich laut die nächsten Schritte vor. So hat mein Gehirn keine Chance, einen anderen Gedanken dazwischen zu schieben. Zumindest in der Zeit vom Gedanken bis zum Anfang der Umsetzung.
Die Intensität der Störungen variiert von Tageszeit zu Tageszeit. Am Vormittag ist es nach wie vor am schlimmsten und ab 15:00 Uhr habe ich meistens ein paar Stunden, in denen ich diverse Aufgaben besser erledigen kann (einer Konversation folgen, Kochen, Staubsaugen, Aufräumen etc.). Anfangs lag die maximale Dauer eines Gesprächs bei 1 Stunde. Mittlerweile kann ich mich länger unterhalten, allerdings spielt die Sprechgeschwindigkeit und Komplexität des Inhalts eine große Rolle. Zu schnell Gesprochenes, kommt nur als Schwall an zusammenhängenden Lauten in meinem Gehirn an, die zu trennen für mich unmöglich sind. Ebenso tritt dieses Phänomen bei Ermüdung ein. Dann spielt die Geschwindigkeit keine Rolle mehr, da mein Gehirn von Grund auf einfach überlastet ist und keine Inhalte mehr aufnehmen kann. Zum Glück habe ich ein sehr verständnisvolles Umfeld, in dem ich meine speziellen Bedürfnisse bzw. Grenzen offen kommunizieren kann.
Ich versuche möglichst geduldig darauf zu warten, dass sich die Konzentrationsstörungen wieder verbessern.
Diese haben sich definitiv, verglichen mit dem Beginn des Burnouts, schon eindeutig verbessert, aber sie können auch phasenweise vermehrt auftreten.


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