Eine befreundete Krankenschwester war sehr aufmerksam und gab mir den Ratschlag, mich auf Autoimmunkrankheiten untersuchen zu lassen, denn durch die Vorgeschichte meiner Mama wäre eine Prädisposition dahingehend sehr wahrscheinlich. Obwohl mein Hausarzt die Leidensgeschichte meiner Mama kannte, kam es ihm nicht in den Sinn, mich dementsprechend zu untersuchen. Ich bestand aber eigenständig auf diese Blutuntersuchung, die anschließend durchgeführt wurde.
Bingo! Ein Wert, der Antikörper gegen den eigenen Zellkern anzeigt und welcher bei Autoimmunkrankheiten oftmals erhöht ist, war in einem abnormal hohen Bereich. Ich wusste, dass meine Mama bei Entdeckung ihrer Krankheit einen ebenso hohen Wert hatte.
Meine Reaktion darauf war ein Nervenzusammenbruch.
Ich sah meine Mama vor mir, deren Schicksal nun auch zu meinem werden sollte.
Endlich wurde ich zur weiteren Abklärung dieser Anomalie zu einem Facharzt weiterverwiesen und bekam gleichzeitig einen Überweisungsschein, um mich bei der Long-Covid-Ambulanz anmelden zu können. Das verstand ich wieder nicht, aber in Corona-Zeiten wurde wohl fast alles darauf zurückgeführt.
Ich musste Wochen auf einen Termin an der Klinik warten und konsultierte deshalb parallel den betreuenden Arzt meiner Mama, der auf Autoimmunkrankheiten spezialisiert war und bei dem ich zum Glück bald einen Termin bekam. Diese Wochen bis zu diesem Termin waren durch große Angst geprägt, denn ich war mir fast sicher, an einer unheilbaren Krankheit zu leiden. Positiv zu denken war gerade nicht möglich.
Der Termin beim Arzt meiner Mama war gekommen und ich nahm meinen Papa als Unterstützung mit. Ich hatte das Gefühl, dass sich der Arzt Zeit nahm, um alle Facetten meiner Symptome zu beleuchten. Allerdings nahm dieses Gespräch eine unerwartete Wendung: Als er mehr oder weniger ausgeschlossen hatte, dass es sich dabei um eine Autoimmunkrankheit handelte, befragte er mich zu meinem Liebesleben. Als er merkte, dass ich befangen reagierte, da mein Papa neben mir saß, schickte er ihn kurzerhand aus dem Raum. Der kurz vor der Pension stehende Arzt, wollte ausschließen, dass es sich um ein “Broken-Heart-Syndrom” handelte und befragte mich nicht nur zu meinem Liebesleben, sondern gab mir unangebrachte Ratschläge zu meiner Sexualität und machte noch unangenehmere Komplimente, “Ich sei eine hübsche junge Frau, und werde schon einen Partner finden, falls nicht, solle ich mich nochmals bei ihm melden”.
Ich war überfordert und fühlte mich überfahren von der unangebrachten Art dieses Arztes, von dem meine Mama stets in höchsten Tönen sprach. Ein Grund, warum ich diesen Kommentaren nichts entgegensetzte, war, dass ich diese nicht wahr machen wollte. Sobald ich nämlich direkt darauf reagierte, war es real, was gerade passierte und das Image des Arztes, von dem ich anfangs noch so viel hielt, würde in meinem Kopf zerstört werden. Es ist mir klar, dass diese Annahme bzw. diese Denkweise absurd ist, doch diese Situation war viel schneller vorbei, als ich sie in meinem Kopf verarbeiten konnte. Bei der Verabschiedung hatte ich das Gefühl, er wollte mir nicht nur die Hand geben, sondern mir einen Wangenkuss geben oder mich irgendwie berühren, da er näher an mich ran ging, als es für eine Arzt-Patienten-Beziehung nötig war. Zum Glück passierte weder das eine noch das andere. Verstört ging ich schnell aus dem Zimmer zu meinem Papa. Ich schämte mich, meinem Papa ins Gesicht zu schauen, der von dem Vorfall natürlich nichts ahnte und dem ich auch bis heute nichts davon erzählt hatte. Ich schämte mich deshalb, weil ich zu erstarrt war, um auf die anzüglichen Äußerungen dieses Arztes zu reagieren und nicht für mich eingestanden war. Weil ich mich weder verteidigt hatte noch ihn zurechtgewiesen hatte. Ich schämte mich, weil ich als bekennende Feministin nicht dafür gekämpft hatte, dass meine Grenzen respektiert werden.
Ich, als Opfer dieser übergriffigen Unterhaltung schämte mich, dieser Arzt hingegen fühlte sich aufgrund seines Verhaltens bestimmt nicht beschämt oder schlecht. Über Dynamiken zwischen Opfern und Tätern bei Übergriffen jeglicher Art hatte ich schon einiges gehört, jedoch war auch ich nun zum ersten Mal in diese Dynamik und diese Erstarrung gezogen worden.
Zurück zur Jagd nach einer Diagnose:
Die vermutete Diagnose dieses Arztes war eine Herzmuskelentzündung, da ich durch den hohen Puls auch öfter Herzbeschwerden hatte. Diese äußerten sich als Druck in der Brust und vermehrte Rhythmusstörungen. (Seit der vermuteten Herzmuskelentzündung 2019 hatte ich bei Belastung Rhythmusstörungen, die jedoch umfangreich abgeklärt und als nicht gefährlich eingestuft wurden.)
Ich bekam also einen weiteren Überweisungsschein und konsultierte zur Abklärung eine mir schon bekannte Internistin. Leider musste ich auch bei ihr einige Wochen auf einen Termin warten. In der Zwischenzeit hatte ich – zur Sicherheit – den Termin an der Klinik ebenfalls bei einem Spezialisten für Autoimmunkrankheiten wahrgenommen. Wieder handelte es sich dabei um einen etwas älteren Mann, ca. sechzig Jahre alt, der zu Beginn etwas eigentümliche Kommentare von sich gab, als ich ihm erzählte, was ich im Herbst für Aufgaben hatte. “Und da wundern Sie sich, warum Sie in diesem Zustand sind?”. Da ich nun auf etwaige Übergriffe im Inneren gewappnet war, reagierte ich ebenfalls etwas forsch. Er bemerkte schnell, dass er bei mir keine provokanten Äußerungen machen durfte und die in der Luft liegende Spannung verflüchtigte sich bald. Er verhielt sich sehr professionell, nur leider hatte er, als Rheumatologe, keine Ahnung von Burnout oder psychischen Ausnahmezuständen. Seiner Meinung nach müsste ich meinen Körper aktivieren, anfangen Sport zu machen, mich bewegen etc. Ein gut gemeinter und eventuell angebrachter Ratschlag, wenn man unter Depressionen leidet. Bei einem Burnout – was ich aber bis dahin nicht als mögliche Diagnose akzeptieren konnte – war dieser Ratschlag aber leider sehr kontraproduktiv. Ich fühlte mich missverstanden, da ich zwar mein Burnout nicht benennen konnte, spürte jedoch, dass mein Körper auf Belastungen und sportliche Betätigung mit noch größerer Erschöpfung antwortete.
Es gab schließlich aber auch von ihm Entwarnung, dass ich sehr wahrscheinlich nicht unter einer Autoimmunkrankheit litt, was mich ungemein erleichterte.
Auch der Termin bei der Internistin zur Abklärung der Herzmuskelentzündung, bei dem ich zum Glück sehr umfangreich untersucht wurde, brachte Entwarnung. Es war alles in Ordnung und außer den Antikörpern nichts nachzuweisen. Mir wurde erklärt, dass es bei ca. 25% der Angehörigen von Patient:innen mit SLE sein kann, dass diese Antikörper aus einem bestimmten Grund erhöht sind, sich jedoch keine Krankheit dahinter verbirgt. Ich bin heilfroh, dass ich gesund bin, jedoch werde ich ein Leben lang auf meine Gesundheit besonders achten müssen, denn diese Antikörper könnten irgendwann mal zu einem Problem werden. Die emotionale Achterbahnfahrt, während ich von Arzt zu Arzt lief, kostete mich sehr viel Kraft. Das Gute: Nach einem umfangreichen Check wusste ich schließlich, dass physisch alles in Ordnung war, was mir unheimlich Erleichterung brachte. Gleichzeitig musste ich mir nun aber eingestehen, dass mein Zustand wohl durch Erschöpfung in Folge von Überlastung zu erklären sei.
Aufgrund der Verlängerungen meines Krankenstandes musste ich in dieser Zeit sehr oft zum Hausarzt und schnappte dort Anfang Januar nicht nur eine heftige Bauchgrippe auf, sondern Anfang Mai auch ein drittes Mal eine Corona Infektion. Da es mir nach dieser Infektion sehr bald gleich schlecht, wie vor dieser ging, schloss ich für mich eine Longcovid-Erkrankung aus, denn nach Gesprächen mit Betroffenen, hätte sich mein Zustand dementsprechend nach einer erneuten Infektion verschlechtern müssen. Zum Glück tat es das nicht.
Da Burnout-Symptome zahlreichen Symptomen anderer Erkrankungen sehr ähnlich sehen, ist es nicht nur für Betroffene, sondern auch für betreuende Ärzte schwierig den Ursprung dieser zu ermitteln. Ich verstehe deshalb, dass Ärzt:innen und Psycholog:innen auf den ersten Blick möglicherweise eine falsche Diagnose erstellen. Allerdings finde ich es fahrlässig, dass sich zu viele Ärzt:innen – meiner Erfahrung nach – nur auf den ersten Blick verlassen und keine ausreichenden Untersuchungen bis zu einer annähernd sicheren Diagnosestellung durchführen. Bei drei von sechs Ärzten, erhielt ich nämlich innerhalb von 10 Minuten eine Diagnose.
Unser Gesundheitssystem ist offensichtlich so überlastet, dass sich eine (vor)schnelle Diagnostik aufgrund von Zeitmangel und Stress bei vielen Ärzt:innen etabliert hat. Schade, denn würde man am Anfang nicht Symptome diagnostizieren, sondern mögliche Ursachen ergründen, würden Patient:innen vielleicht weniger häufig aus ein- und demselben Grund Ärzt:innen konsultieren.


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