Pflegende Angehörige II. – Unfreiwilliger Schnupperkurs als 24-Stunden-Pflegekraft

6–9 Minuten
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Bevor ich meinen Job beim Festival im Herbst 2021 antrat, hatte ich zwei Wochen Urlaub. Pünktlich zu Beginn der zweiten Woche, stürzte meine Mama und brach sich die Hüfte an zwei verschiedenen Stellen. Man konnte bzw. musste diesen Bruch nicht operieren, jedoch wurde sie zur Abklärung mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht. Zu diesem Zeitpunkt befand ich mich gerade noch in Rom auf Kurzurlaub und hätte eigentlich noch zwei weitere Tage dort verbracht.

Am Tag zuvor telefonierte ich mit Mama, während ich durch Rom spazierte und mich in Richtung Petersdom begab. Sie bat mich, dort für sie zu beten. Das war das erste Mal, dass sie mich um Derartiges gebeten hatte. Ein komisches Gefühl machte sich dabei breit, dass irgendetwas passieren würde oder sich verändern würde. Ich erfüllte aber ihren Wunsch. Am nächsten Morgen, es war ein Samstag, erhielt ich den Anruf des Notarztes und beschloss, den nächsten Zug nach Hause zu nehmen. Es dauerte fast den ganzen Tag, bis ich daheim ankam. Mein Bruder, der inzwischen zwei Stunden von unserem Elternhaus entfernt wohnte, war schneller zu Hause, doch auch er schaffte es nicht rechtzeitig ins Krankenhaus. Bis er zu Mama stieß, hatte sie sich selbst entlassen und behauptete, sie käme schon alleine zu recht. Eine fatale Behauptung, die meinen Bruder und mich in eine unfassbar belastende Situation brachte.

Bis ich schließlich nach Hause kam, war im Wohnzimmer bereits ein Bett aufgestellt (Mamas Schlafzimmer war nicht barrierefrei zugänglich) und eine provisorische Toilette stand neben dem Bett, sodass sie den „weiten“ Weg von ca. zehn Schritten zur Toilette in der Nacht nicht gehen musste. Sie konnte nämlich gar nichts mehr selbständig machen, weder gehen, aufstehen, sich ins Bett legen, noch Stiegensteigen, zur Toilette gehen, kochen etc. Wir versuchten alles Menschenmögliche, damit Mama ihren Alltag mit weniger Schmerzen leben konnte. Fest stand aber, dass sie noch eine Weile sehr, sehr viel Hilfe benötigen würde und wir, als Vollzeit arbeitende Kinder, diesen Pflegeaufwand nicht erbringen konnten. Es musste also in meiner letzten Woche, vor Beginn des Antritts in meinen neuen Job, eine Lösung gefunden werden. Nicht so einfach, wenn man gleichzeitig plötzlich als 24-Stunden Pflegekraft im Einsatz ist und man zunächst keine Ahnung hat, wo man beginnen sollte nach einer Lösung zu suchen. Pflege, oder Medizin war nicht mein Berufsfeld und ich wusste gar nichts über verschiedene Möglichkeiten der Pflegebetreuung.

Mir stand eine der schlimmsten Wochen meines Lebens bevor: Mein Bruder musste nach dem Wochenende wieder arbeiten und war zwei Stunden entfernt. Ich war also, abgesehen von einer telefonischen Unterstützung durch ihn, vollkommen alleine mit dieser Situation. Durch die emotionale Bindung ging es mir jedes Mal durch Mark und Bein, wenn Mama vor Schmerzen stöhnte. Ich litt sehr mit ihr mit.
Mein Tag begann um 7:00 Uhr, als ich hörte, wie sie versuchte, alleine aufzustehen. Zu diesem Zeitpunkt glaubte sie immer noch, sie bräuchte meine Hilfe nicht. Ich jagte ihr also immer hinterher, damit sie keinen Schritt ohne mich machte, versuchte, jede Gefahr zu antizipieren und sprach mit ihr, wie mit einem Kleinkind. Nachdem ich ihr ein Frühstück gebracht hatte, bereitete ich alle Utensilien für die Morgentoilette vor, damit wir diese im Wohnzimmer verrichten konnten. Da der Toilettengang in der Nacht doch nicht funktionierte, weil es zu schmerzhaft war, stiegen wir auf Windeln um, die dann am Morgen gewechselt werden mussten. Ich wusch sie mit einem Waschlappen, zog sie aus und wieder an und wechselte zahlreiche Wasserschüsseln. Der ganze Prozess dauerte mindestens den halben Vormittag, während ich kaum selbst Zeit hatte zu frühstücken oder zu duschen. Es war ein unfassbarer Stress, weil ich immer Angst hatte, dass Mama eigenständig irgendwelche gefährlichen Aktionen selbst starten wollte. In den „Pausen“, wenn sie für kurze Zeit versorgt war, versuchte ich einen Pflegeplatz zu organisieren.


Eine zusätzliche unfassbar gefährliche Situation kam noch in den ersten Tagen zu Hause hinzu: Sie fand sich kurz nach dem Sturz in einem – fast schon – Delirium, weil der Blutzucker durch den Sturz und den damit ausgelösten Stress des Körpers, in gefährliche Höhen schoss. Im Nachhinein hätte ich den Notarzt rufen sollen, das weiß ich heute, aber in diesem Moment versuchte ich meine Mama zumindest dazu zu überreden, Insulin zu spritzen. Normalerweise griff sie nicht zu diesem Medikament, da sie den Zucker durch Bewegung und entsprechende Diät unter Kontrolle hatte und weil das Insulin bei ihr Nebenwirkungen hervorrief. In dieser Ausnahmesituation entschied sie sich jedoch zum Glück dafür. Das Insulin musste aber erst besorgt werden und mit Anleitung einer Freundin, die Krankenschwester ist, dosierten wir das Insulin und erstellten einen Plan für die nächsten Tage. Die erwarteten Nebenwirkungen, traten ein und äußerten sich als starke Verwirrtheit und allgemeine Verlangsamung beim Sprechen.

Ich hätte die mit dieser Situation einhergehende Verantwortung nicht übernehmen sollen, denn es lag offensichtlich nicht in meinem Kompetenzbereich. Leider war ich aber selbst in einer Stresssituation und hatte dadurch keinen klaren Blick über gewisse Entscheidungen.

Mein Tag endete schließlich um 22:00 Uhr, sobald ich Mama zu Bett gebracht hatte und ihr alles für die bevorstehende Nacht vorbereitet hatte. Ich schlief in dieser Woche mit offener Zimmertüre, damit ich hörte, falls sie mich rief oder etwas brauchte. Dadurch war mein Schlaf nie wirklich tief, denn mit einem Ohr überwachte ich auch im Halbschlaf die Geräusche aus dem unteren Stock. Obwohl meine Mama zu diesem Zeitpunkt nur ca. 33 Kilogramm wog, hatte ich nach dieser Woche starke Rückenschmerzen, da ich sie nicht nur auf die Toilette heben musste, sondern auch ins Bett ziehen musste, damit sie so wenig Schmerzen wie möglich hatte.

Zum Glück fand ich relativ bald einen Pflegeplatz im Altersheim im benachbarten Ort, allerdings nur von begrenzter Dauer.

Für die Zeit nach dem Kurzzeitpflegeplatz engagierte ich eine Pflegeagentur, die zumindest ein paar Stunden am Tag abdecken konnte. Wie genau das alles ablief, weiß ich leider nicht mehr, denn ich habe viel (wahrscheinlich absichtlich) vergessen. Diese eine Woche als Vollzeit Pflegekraft war aber sehr belastend und dadurch leider unvergesslich für mich.

Es ging dann schon alles irgendwie, weil es mal wieder gehen musste. Im Frühjahr stürzte sie nochmals, aber die Erinnerung an dieses Ereignis ist weder bei mir noch bei meinem Bruder vorhanden. Ich kann nicht mehr nachvollziehen, was genau passiert ist und was sie sich gebrochen hatte. Es intensivierte aber die Pflegebedürftigkeit und die Stunden der Pflegeagentur wurden wieder hochgefahren.

Auch diese Situation besserte sich wieder etwas bis zum Sommer, bevor dann mit Festivalstart ein weiterer Sturz erfolgte: 

Ich betreute gerade eine Veranstaltung als ich einen Anruf des Krankenhauses bekam. Es hieß, dass meine Mama stark verwirrt und gestürzt war. Zu diesem Zeitpunkt war es bereits später Nachmittag, doch der Sturz, wie sich später herausstellen sollte, war schon am Vormittag passiert. Ich eilte ins Krankenhaus und fand mich plötzlich in einer sehr schwierigen und überfordernden Situation wieder. 

Meine Mama hatte sich den Kiefer und das Handgelenk gebrochen. Ihr Arm war bereits eingegipst und in den Zähnen waren noch Drähte zur Fixierung des Kiefers eingespannt. Die Ärzte meinten, dass man den Kieferbruch operieren müsse, damit der Kiefer wieder korrekt schließen könne und sie meine Mama in jedem Fall für eine Nacht behalten wollten. Sie wehrte sich mit Vehemenz gegen Operation und Krankenhausaufenthalt, war aber immer noch in einem etwas verwirrten Zustand. Die Situation war ausweglos, denn man konnte eine Patientin nicht gegen ihren Willen im Krankenhaus behalten. Während mir aus Verzweiflung und Wut Tränen in Strömen die Wangen hinunter rannen, rief ich eine Freundin von Mama an, die selbst Ärztin war. Manchmal befolgte meine Mama Ratschläge von ihrer Freundin, was auch in diesem Fall meine Hoffnung war. Doch leider konnte sie auch diese nicht zur Vernunft bringen und sie ließ sich entlassen. Es machte mich wütend, dass Mama die Vorstellungskraft fehlte, welche logistischen Herausforderungen das für mich waren, alleine schon vom Krankenhaus nach Hause zu kommen. Ich war nicht mit dem Auto zu ihr gekommen, sondern war von einem Fahrer des Festivals direkt ins Krankenhaus gebracht worden. Mit einer verwirrten Person quer durch die Stadt zur Bushaltestelle zu wandern, konnte ich mir in diesem Moment einfach nicht vorstellen. Schlussendlich brachte uns dankenswerterweise Mamas Freundin nach Hause und wir versuchten gemeinsam, alles vorzubereiten, damit sie für den restlichen Tag alleine zurechtkam.

Die verordnete Therapie für den Kieferbruch, waren sechs Wochen breiige Kost und möglichst keine Kaubewegungen. Man kann sich vorstellen, dass es schlussendlich an mir lag, die Einhaltung dieser Maßnahmen vorzubereiten und zu überwachen, da meine Mama einen eingegipsten Arm und nicht wirklich eine Idee hatte, wie diese Therapie zu Hause hätte umgesetzt werden können. Die Stunden der Pflegeagentur wurden wieder hochgefahren, doch es war dennoch ich diejenige, die ihr das Essen regelmäßig pürierte, weil sie die Pflegekräfte nicht darum bitten wollte. Diese Phase fiel schon in die erste Stressphase des Festivals, Anfang August. Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich noch nicht, dass es noch sehr viel schlimmer kommen sollte.

Mehr dazu im Beitrag vom 07. September 2023.

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