Pflegende Angehörige III. – Wenn es alleine nicht mehr geht

5–8 Minuten
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Zeitraum: Sommer 2022 – Dezember 2022

Es war der Tag, an dem ich ein großes Konzert zu betreuen hatte, mir am Vormittag meine Geldtasche gestohlen wurde und sich die erste Blasenentzündung bemerkbar machte, als ich einen Anruf vom Roten Kreuz bekam. Meine Mama war wieder gestürzt und wurde soeben ins Krankenhaus gebracht. Wie schwer sie verletzt war, konnte mir aber niemand sagen. Ich übergab das Konzert per Telefon an meine Kolleg:innen, die dies dankenswerterweise übernahmen, denn ich wollte so schnell wie möglich zu meiner Mama.  

Dort angekommen, stellte sich bald heraus, dass die Situation schwerwiegender war, als bei den letzten Malen: Sie hatte einen Oberschenkelhalsbruch, der operiert werden musste. Meine Mama wehrte sich wie erwartet gegen die Operation und verstand zunächst die Konsequenz daraus nicht. Sie würde nicht mehr gehen können und nur noch im Bett liegen. In ihrem Zustand würden wahrscheinlich bald Infektionen und Komplikationen hinzukommen, die innerhalb kürzester Zeit mit hoher Wahrscheinlichkeit zum Tod führen würden. Während der zuständige Anästhesist diesen möglichen Verlauf schilderte, stand ich in Panik neben Mama und versuchte parallel auf sie einzureden, damit sie sich für die Operation und somit zumindest für die Chance zu leben, entschied. Diese Situation war für mich wie ein Schlag ins Gesicht, denn innerhalb kürzester Zeit ging es in meinem Kopf nicht mehr um ein möglichst erfolgreiches Konzert, sondern um das nackte Überleben meiner Mama. Ich telefonierte immer wieder mit meinem Bruder und Mamas Freundin, die ebenfalls zwischendurch auf sie einredeten. Meine Verzweiflung stand mir, glaube ich, buchstäblich ins Gesicht geschrieben. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis wir sie überreden konnten, die Operation durchführen zu lassen.
Diese verlief am nächsten Tag zum Glück gut. Als sie im Aufwachraum lag, hatte ich aber trotzdem das Gefühl, dass sie jeden Moment von uns gehen könnte. Auch ihre Schwester, die mit mir an diesem Tag gemeinsam dort war, hatte den Eindruck, ihre letzten Stunden wären gekommen. Sie wurde künstlich ernährt und ihr Gesichtsausdruck war schlaff und eingefallen, wie bei einer Toten im Sarg. Es war schrecklich, sie so zu sehen. Zusätzlich hatte sie Halluzinationen und war sehr stark verwirrt. Wenn ich ihren Zustand mit meiner Vollnarkose vor ein paar Jahren vergleiche, waren ihre Symptome viel heftiger. Sie blieb fast zwei Wochen in diesem Krankenhaus, in denen ich jeden Tag von meinem Arbeitsplatz ins Krankenhaus pendelte. Eine unfassbar belastende Situation, da es logistisch nicht leicht war und ich gleichzeitig die enorme Verantwortung dem Festival gegenüber spürte, obwohl mich meine Kolleg:innen so gut es ging unterstützten. In dieser Zeit stellte sich heraus, dass die vielen Stürze wahrscheinlich durch eine zu hohe Dosierung von Schlafmitteln (Antiepileptika bzw. Benzodiazepine) verursacht wurden und ihr jegliche Muskelkraft am Folgetag fehlte. Meinem Bruder und mir war nicht bewusst, dass sie in den vergangenen Jahren eine Abhängigkeit von diesen Medikamenten entwickelt hatte, denn uns fehlte schlichtweg das medizinische Verständnis dafür und wir vertrauten unserer Mama. Wir waren außerdem in der Nacht nicht bei ihr und konnten nicht kontrollieren, wie viel und wie oft sie von diesen Tropfen nahm. In den ersten Tagen im Krankenhaus ließ man sie die Medikamente selbst einnehmen, das dazu führte, dass sie durch die Überdosierung fast täglich aus dem Bett fiel. Die Erkenntnis der Ärzte und auch unsererseits, dass es sich dabei um eine ausgeprägte Abhängigkeit handelte, führte schlussendlich zu einer strikten Vergabe der Medikamente. Meine Mama wurde dadurch jedoch in einen schlimmen Entzug geführt. Sie hatte klassische, massive Entzugserscheinungen (Schwitzen, Nervosität, Schlafstörungen, und teilweise auch Aggressionen, sobald man ihr die Medikamente verweigerte).

Zweimal wurde meine Mama in ein anderes Krankenhaus (in Italien) verlegt, da die erste Klinik keinen Platz mehr für sie hatte und sie ohnehin nur in Italien krankenversichert war – was uns sehr oft in eine schwierige Situation brachte. Neben dem Festivalabschluss, mussten diese Verlegungen, inklusive Krankentransport, organisiert werden. Da mein Bruder nicht Italienisch kann und eine dieser Kliniken ausschließlich italienischsprachig war, blieb in diesem Fall sehr viel an mir hängen. Ich war am absoluten Limit meiner Kräfte bzw. eigentlich schon weit darüber. Die Blasenentzündung ließ mich leider nicht mehr los, womit mein Körper schon einen Hilfeschrei abgab.

Im gemeinsamen Urlaub organisierten mein Bruder und ich eine weitere Verlegung und die anschließende Versorgung durch eine 24-Stunden Pflegekraft. 

Schon in den ersten Tagen mit der engagierten Pflegeperson, stellte sich aber heraus, dass diese Lösung nicht von langer Dauer sein konnte, denn die Frau sprach leider keine Sprache, die meine Mama sprach und dementsprechend war die Ausgabe der Medikamente und generell das Zusammenleben etwas schwierig. Die Einarbeitung dieser Dame übernahm mein Bruder, da ich mich zu diesem Zeitpunkt noch im Urlaub mit einer Freundin befand. Nach meinem Urlaub übernahm ich und war für die nächsten Wochen Ansprechpartnerin Nummer eins. Um vier Uhr morgens bekam ich Anrufe, dass meine Mama noch Schlafmedikamente verlangte, die abgesperrt in einem Schrank aufbewahrt wurden und die die Pflegerin ihr nicht geben wollte, weil aie von uns dementsprechende Anweisungen bekommen hatte. Ich musste also mit meiner Mama diskutieren, warum sie nicht noch mehr von den Medikamenten bekam. Ich hatte schließlich aber keine andere Wahl als nachzugeben, denn meine Mama war unfassbar stur und ich wollte zumindest noch ein paar Minuten Schlaf bekommen, bevor ich dann „ganz normal“ um sechs Uhr in der Früh aufstand und mich auf den Weg in die Arbeit machte.

Die Situation mit der 24-Stunden Pflege war schlussendlich keine Entlastung für uns. Wir erkannten schnell, dass die einzige Möglichkeit einer guten Versorgung, jene in einem Altersheim war. In der 150 Kilometer entfernten Heimatgemeinde meiner Mama, bekam sie innerhalb von zwei Wochen einen Platz, wofür ich heute noch sehr dankbar bin. Das Altersheim dort ist sehr groß und liebevoll geführt.

Die Zeit vor diesem Ortswechsel war für uns alle nicht leicht: Meine Mama weinte fast täglich, da sie das Haus, in dem sie seit 30 Jahren lebte, nicht verlassen wollte. Ich tröstete sie, während meine eigenen Gefühle zurückblieben. Es war kein Platz für meine Trauer, meine Erleichterung, sie gut betreut zu wissen oder meinen Schmerz, eineinhalb Autostunden von ihr entfernt zu sein. Auch für die Wehmütigkeit und die Verarbeitung der Veränderung, meine erste eigene Wohnung bald zu verlassen und selbst umzuziehen, war weder Platz noch Zeit. Ich war stets die Person, die tröstete, nicht die Getröstete.

In den Monaten zuvor hatte ich bereits gelernt, meine eigenen Gefühle wegzuschieben, so weit, dass ich fast gar nichts mehr fühlte, einfach leer war und funktionierte. 

In dem Moment, als wir mit unserer Mama im November im Altersheim ankamen, waren ihre Tränen jedoch plötzlich vergessen, denn sie fühlte sich auf Anhieb wohl, hatte ein super schönes, helles Zimmer und die Pfleger:innen waren alle sehr bemüht und herzlich. 

Das war auch endlich unsere ersehnte Entlastung. 

In der ersten Zeit versuchte ich sie wöchentlich zu besuchen, und verlegte meine Homeoffice-Tage in unsere kleine Wohnung im Elternhaus meiner Mama, in der Nähe des Altersheimes. Es war eine super Möglichkeit, nicht zu viel Zeit am Wochenende für den Umbau zu verlieren und trotzdem in der Nähe von Mama zu sein. Dennoch war es sehr stressig, denn am Vormittag versuchte ich mit ihr eine Stunde spazieren zu gehen, da ihr das ein großes Anliegen ist, um danach wieder schnell ins Homeoffice zu hetzen und weiter zu arbeiten. Abends fuhr ich dann wieder eineinhalb Stunden nach Hause. Mein Bruder handhabt dies immer noch so, allerdings merkt man ihm auch an, dass die Fahrt sehr weit und es eine Doppelbelastung ist.

Nichtsdestotrotz sind wir – inklusive Mama selbst – sehr froh, dass sie im Pflegeheim wohnen kann und dort super versorgt ist. Ihr Gesamtzustand hat sich sehr verbessert, sie hat an Gewicht zugenommen und die Medikamenteneinnahme ist streng überwacht. 

Ich hoffe innigst, dass ich damit das schwierigste Kapitel meines bisherigen Lebens endgültig schließen darf.

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