Meine Villa Kunterbunt als Therapiezentrum

6–9 Minuten
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In diesem Beitrag möchte ich die Geschichte meines Zuhauses erzählen und damit auch die sich stetig verändernde Beziehung dazu: 

Das Haus war schon vor meiner Geburt in Besitz meiner Eltern. Somit beginnt unsere gemeinsame Geschichte mit meiner Geburt, besser gesagt, als Mama und ich vom Krankenhaus nach Hause kamen. Natürlich kann ich mich nicht selbst daran erinnern, allerdings gibt es dutzende Stunden an Videomaterial und Fotos, von mir im Kindesalter bis zum zehnten Lebensjahr. Die Bilder zeigen typische Szenen eines Familienlebens: Das Baby in der Wippe, bestens umsorgt von den Eltern und meinem um zwei Jahre älterer Bruder. Die Einrichtung war weder top modern, noch rustikal, dafür recht kreativ zusammengewürfelt. Teppiche in den buntesten Farben und größten Maßen lagen fast in jedem Raum, machten die Umgebung für ein Kleinkind recht gemütlich und sicher. Auf diesen Teppichen lernte ich zu gehen, beschäftigte mich mit meinen Spielsachen und steckte mir wahrscheinlich alles Mögliche in den Mund. Manchmal knuddelte mich mein Bruder so heftig und rollte mich auf dem Teppich hin und her, dass Mama eingreifen musste, mich wieder gerade hinlegte und mir den Rüschenkragen zurecht zupfte. 

Später spielten wir am Küchentisch, hatten im Garten ein Trampolin und ein kleines Planschbecken, flitzten mit unserem kleinen “Audi” (das damalige Bobby-Car) im Wohnzimmer auf den wenigen teppichfreien Quadratzentimetern umher und durften im Bett unserer Eltern eine Kissenburg bauen. Als wir größer wurden, verlagerte sich der Spielplatz in unsere Zimmer, wo es manchmal aussah, als hätte eine Explosion stattgefunden. Dort standen tagelang über den gesamten Boden verteilt mein Barbie-Imperium, riesige Häuser aus Lego oder Playmobil-Burgen. Natürlich wurden wir zwischendurch ermahnt aufzuräumen, doch wir durften uns auch in unseren Spielsachen verlieren. 

Das folgende Video zeigt meine Mama und mich beim Pizzabacken. In meiner Welt – damals war ich ca. drei Jahre alt – war es schon „meine Küche“ und ich war die Pizzaiola des Hauses. Ein kindliches Wunschdenken, das sich vor Kurzem für mich erfüllt hat.
Mama spielte bei meinem Spielchen mit. Viel Spaß beim Anschauen! 😉

Schon mit neun Monaten musste ich jedoch mein Zuhause zum ersten Mal regelmäßig verlassen, denn meine Mama trat einen neuen Vollzeitjob in einem Krankenhaus an und mein Papa arbeitete ebenso in Vollzeit. Wir wurden ab diesem Zeitpunkt bei zahlreichen Tagesmüttern untergebracht – Krabbelstuben oder Teilzeit-Angebote für berufstätige Eltern gab es damals kaum. Von den Tagesmüttern waren leider zu viele nur semi-professionell und semi-sympathisch. Diese Zeit hinterließ ihre Spuren – ich glaube, bei mir mehr als bei meinem Bruder. Umso mehr schätzte ich es, wenn ich zu Hause sein und Zeit mit meinen Eltern verbringen konnte. Es war für mich ein Ort der Geborgenheit.

Weihnachten daheim war immer eine ganz besondere Zeit, die ich sehr genoss. Wir wurden als Kinder mit Geschenken überhäuft und mein Papa veranstaltete regelmäßige Christkindl-Täuschungs-Festspiele. Das Wohnzimmer war am 24. Dezember versperrt und durch das Schlüsselloch konnte man bereits den zauberhaften Tannenduft riechen. Das Wohnzimmer wurde nach der Bescherung zum zentralen Spielplatz. Wir durften unsere neuen Spielsachen gleich dort auspacken und an den Weihnachtsfeiertagen vorerst unterm Christbaum damit spielen. 

Vielleicht klingen meine Beschreibungen nach Harmonie pur… das war es dann aber doch nicht immer. Ich hatte eine sehr schöne Kindheit, Konflikte waren aber alltägliche Begleiter, wodurch es sehr häufig, sehr, sehr laut bei uns war. Je älter wir Kinder wurden, desto energischer wurden die Zwistigkeiten zwischen den Eltern, meinem Bruder und mir – Pubertät ließ grüßen. Ich fühlte mich zunehmend vom Zuhause und von dem Ort, an dem wir lebten, etwas eingeengt. Der Blick aus meinem Zimmer zeigte das Ende eines engen Tales. Gesehnt habe ich mich aber bereits als Jugendliche nach einem Horizont, den ich von den Familien-Urlauben am italienischen Meer kannte. Schon damals wirkte ein Sonnenuntergang, der mir die Horizontlinie bewusst machte, befreiend.

Die Stimmung zu Hause war vor allem kurz vor der Trennung meiner Eltern schwer ertragbar, ich war damals 16 Jahre alt. Am liebsten wollte ich weit weg, war aber weder volljährig, noch mutig genug, dementsprechende Schritte zu wagen. Das Unwohlsein zu Hause nahm mit der fortlaufenden Krankheit meiner Mama zu: Ich musste machtlos zusehen, wie sie immer schwächer wurde, was das Zusammenleben zusehends problematischer werden ließ. 

Von meinen Reisen kam ich zwar immer wieder gerne nach Hause, weil ich plötzlich schätzen lernte, welchen Lebensstandard ich dort hatte, doch ich spürte, dass es nicht mehr zu 100% mein Zuhause war, wo ich mich geborgen fühlte.

Ich hätte mir zu Studienzeiten nicht vorstellen können, das elterliche Haus zu beerben. Diese Verantwortung hätte mich überfordert. Damals wäre meine Intention eher jene gewesen, das Elternhaus zu verkaufen, um weit weg zu ziehen, damit ich diese Belastung(en) hinter mich lassen könnte. Das Haus, Baujahr 1971, hatte unübersehbare Mängel, nicht nur architektonisch, sondern auch in der Ausführung. Noch heute entdecke ich immer wieder, wie provisorisch manche Komplettierungen umgesetzt wurden.

Nach dem Abschluss meiner Bachelorstudien lebte ich in Rom und in Schweden in WGs und dann in einer Garconniere in der nächstgrößeren Stadt, 20 Minuten entfernt. Die drei Jahre in dieser kleinen Wohnung auf 33 Quadratmetern öffneten mir schließlich die Augen. Es stellte sich heraus, dass ich absolut kein Stadtmensch bin. Ich vermisste es, ins Grüne zu blicken, im Wald spazieren gehen zu können und ich vermisste den Garten. Mit der Zeit entstand die Sehnsucht, wieder nach Hause zurückzuziehen und das Haus schließlich zu übernehmen, denn ich erkannte, dass ich mich nur dort voll und ganz zu Hause fühlte, allerdings alleine. Solange meine Mama dort wohnte, konnte ich nicht wieder einziehen, denn ich brauchte meinen Freiraum und die räumliche Distanz zu dieser belastenden Situation.

Über den Prozess der Renovierung und den Umzug habe ich ja schon ausführlich berichtet. Dieser war von gemischten Gefühlen geprägt. Einerseits hatte ich große Vorfreude in ein von mir eingerichtetes Haus zu ziehen, andererseits fand ich an allen Ecken Erinnerungen meiner Kindheit, die mit der Renovierung ausgelöscht wurden – zumindest fühlte es sich so an. 

Obwohl es mir am Anfang meines Burnouts sehr schlecht ging und ich wie gelähmt war, bedeutete es für mich puren Luxus, von einem Zimmer ins nächste zu gehen, eine ausreichend große Küche zu haben, eine Speisekammer, einen geräumigen Keller, ein großes Wohnzimmer und ein Schlafzimmer zu besitzen, das größer war als mein Bett (mein Schlafzimmer in der Garconniere, war eine etwas enge Nische mit kleinem Fenster).

Ich war so dankbar, Platz für ALLES zu haben und meinen Liegeplatz (anfangs lag ich ca. 20 Stunden pro Tag) wechseln zu können, sodass mir durch das ständige Zuhausesein nicht die Decke auf den Kopf fiel. Mir ist inzwischen der Luxus bewusst, ein eigenes Haus seine eigenen vier Wände nennen zu können. Ich darf hier meine Kreativität ausleben (malen, musizieren, nähen, gärtnern, schreiben) und mich und meine Ideen ausbreiten. Alles hat seinen festen Platz, sodass ich wenig Energie brauche, um eine Tätigkeit beginnen zu können.

Mittlerweile kümmere ich mich gerne um meine Villa Kunterbunt, denn sie gibt mir ständig Aufgaben, mit denen ich nie in Lethargie verfallen könnte. Anfangs war ich damit beschäftigt, Umzugskartons auszupacken (ganz langsam versteht sich), dann beschäftigte ich mich mit der Dekoration und der finalen Einrichtung. Anschließend kaufte ich mir viele Pflanzen, um die ich mich auch heute noch kümmere, als wären sie meine Kinder und ich begann Bilder zu malen, damit ich sie im Haus aufhängen konnte. Das war der Anstoß für meine Malerei. Der Garten schafft mehr Arbeit, als ich bewältigen kann. Die Bindung zu meinem Papa hat sich auch dadurch intensiviert, dass er mich in handwerklichen Belangen rund ums haus unterstützt. Ich genieße die “Projekte”, die wir immer wieder gemeinsam angehen und so Zeit miteinander verbringen können. Diese hat uns nämlich in den letzten zehn Jahren gefehlt, da wir durch die Scheidung ein schwieriges Verhältnis und kaum Kontakt hatten. Somit wurde das Haus zu einer Begegnungszone nicht nur für meinen Papa und mich, sondern auch für sehr viele liebe Menschen, die sich merklich in meinem Haus wohl fühlen. Ich ermutige sie regelrecht, sich an diesem Ort “wie zu Hause” zu fühlen, denn es freut mich, wenn ich nicht nur mir selbst, sondern auch anderen Menschen einen Wohlfühlort ermöglichen kann. Mein Wohnzimmer dient sogar regelmäßig als Yogastudio. Schon cool, wenn die Yogastunde zu einem nach Hause kommt!

Gerne verrate ich zum Schluss, welcher Raum sich zum Lieblingsplatz etabliert hat: Mein ehemaliges Kinderzimmer ist mittlerweile zum multifunktionalen Raum geworden. Eine bequeme Couch lädt zum Rasten, während der große Schreibtisch zum Schreiben einlädt. Auf einem praktischen Tisch liegt immer ein Leinwand parat, die darauf wartet, bemalt zu werden. Die Pinsel können im zimmereigenen Waschbecken ausgewaschen werden. Und das Beste: Der Blick aus dem Fenster zum Talende…

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