Schon lange vor meinem Burnout hatte ich vergessen, wie es ist, auf meinen Körper und seine Bedürfnisse zu hören und vor allem, meine Grenzen wahrzunehmen. Ich hatte schlichtweg verlernt, mich zu spüren.
Nicht nur der Körper kommuniziert uns seine Grenzen, sondern auch unsere Seele – zum besseren Verständnis möchte ich die beiden Bereiche hier trennen. Es geht oftmals nur um die Frage „Will ich das? Will ich das gerade nicht?“ oder „Fühlt sich das gut und richtig an? Ist mir etwas körperlich unangenehm?“. Unsere Sozialisierung zielt darauf hin, auf andere zu achten, nicht aufzufallen, „brav“ zu sein und keinen Egoismus an den Tag zu legen. Obwohl wir als Kinder mit der Fähigkeit, unsere Bedürfnisse wahrzunehmen und zu kommunizieren ausgestattet werden, verlernen wir diese wieder, spätestens sobald wir einige Jahre in der Schule waren. Diese Fähigkeit wieder zu erlernen fällt später denkbar schwer, braucht Zeit und funktioniert nur mäßig, wenn man sich im Hamsterrad des Alltags befindet und funktionieren muss. Bedingt durch mein Burnout darf ich aktuell viel Zeit meinen eigenen Bedürfnissen widmen und lerne wieder, mich körperlich und seelisch zu spüren. Dieser Prozess hatte für mich schon ein paar Monate vor meinem Burnout begonnen, allerdings in minimalem Ausmaß. Ich konnte mich diesem Umdenken damals kaum widmen, da Ausnahmesituationen an der Tagesordnung lagen.
Als „People pleaser“ und harmoniebedürftiger Mensch waren meine Beziehungen jeglicher Art oft schwierig, weil ich früher weder meine Meinung zu einem Thema, noch meine Bedürfnisse kommunizieren konnte. Es war sowohl für mich als auch für das Gegenüber anstrengend. Im Laufe der Zeit besserte sich diese Situation immer mehr, jedoch blieb mein überdurchschnittlich hohes Anpassungsbedürfnis Merkmal meiner Persönlichkeit.
Vor allem in Bezug auf Männerbekanntschaften war ich wie ein Chamäleon, passte meine Wünsche dem Gegenüber an und kommunizierte oftmals meine Grenzen nicht oder teilweise nicht klar. Obwohl ich mich sehr oft nicht wohl fühlte, versuchte ich mein Bauchgefühl mit meinem Verstand auszutricksen. Ich wollte nicht, dass eine unangenehme Situation durch Zurückweisung hätte entstehen können und sich das Gegenüber womöglich hätte unwohl fühlen können. Dafür akzeptierte ich häufig mein eigenes Unwohlsein. Absurd! Ich tat mich schwer mit unmittelbaren Reaktionen oder Rückmeldungen. Meist waren derartige Gespräche gut überlegt und lange geplant. Es fühlte sich an, als ob ich in meinem eigenen Käfig des „richtig Machens“ gefangen wäre. Meine Persönlichkeit blieb dabei auf der Strecke, weil ich zu sehr damit beschäftigt war, mich anzupassen. Dass so ein Verhalten weder attraktiv noch authentisch wirkte, dürfte selbsterklärend sein.
Meine Psychologin empfahl mir eine Therapieform, die mich diesbezüglich herausforderte. Es ging dabei um Interagieren und Reagieren mit einem Pferd, sowie um Resonanz der eigenen Ausstrahlung. Anfangs konnte ich nicht mal entscheiden, ob ich mich lieber auf Lotta (meine Pferdefreundin) setzen oder mit ihr an der Schnur selbst gehen wollte. Es klingt wahrscheinlich für jemand Außenstehenden völlig absurd, dass ich einfachste Dinge nicht entscheiden konnte. Für mich ist dies ein erschreckendes Beispiel, wie sehr mein Gefühl von meinem Verstand und dem Bedürfnis, jedem oder jeder alles recht machen zu wollen, zurückgedrängt wurde.
Wie schon im Beitrag „Die Jagd nach einer Diagnose“ erwähnt, verstand ich am Beginn meines Burnouts nicht, was mit mir los war. Die Bedürfnisse meiner Seele ignorierte ich kurz vor meinem Burnout besonders gekonnt, weshalb dieser Bereich anfangs unerreichbar für ein bewusstes Hinspüren war. Meine Schlussfolgerung war, dass es daher etwas rein Körperliches sein musste, weil seelisch ging es mir ja gut…
Da ich mit ziemlichem Tempo in mein Burnout schlitterte, brauchte es Zeit, viel Zeit bis ich keinen Wind mehr in den Segeln hatte und das Bedürfnis, produktiv sein zu müssen, etwas verblasste. Ich stelle mir vor, ein Auto zu sein, das mit 100 km/h auf der Autobahn plötzlich im Leerlauf weiterfährt, lange vor sich hin rollt und nur sehr langsam an Geschwindigkeit verliert, bis es schließlich stehen bleibt. Zum Stillstand kam ich erst nach ca. sechs Monaten (nach Beginn des Burnouts), in denen ich sehr oft mit der ausrollenden geistigen Geschwindigkeit meine körperlichen Grenzen überschritt.
Ich nahm mir zu Beginn meines Burnouts täglich Aufgaben im Haus vor, die ich von Anfang bis Ende durchführen wollte, egal wie ich mich fühlte. Nur einen Teil davon am Tag und einen anderen am nächsten Tag zu erledigen, kam für mich nicht in Frage. Mitte Februar schrieb ich folgende Tagesaktivitäten in mein Tagebuch: Ich hatte einen Polster genäht, das Haus aufgeräumt, war schwimmen, besuchte ein Stoffgeschäft, hatte einen Arzttermin, war mit einem Freund Kaffeetrinken und ließ einen Ring in einer Goldschmiede anpassen. Heute frage ich mich, wie ich all diese Dinge an einem Tag erledigen konnte. Damals ging es mir nämlich noch sehr viel schlechter als heute. Ich wollte mich offensichtlich von meinem körperlichen Befinden nicht einschränken lassen und tat so, als ob ich fit wäre. Mein Körper meldete sich aber sehr wohl mit eindeutigen Überlastungssymptomen: Ich hatte einen schnellen Puls, war außer Atem und meine Muskeln brannten bei kleinsten Bewegungen. In den ersten Monaten ging ich stets über diese Symptome hinweg und wollte „nur noch schnell“ dies und jenes erledigen. Am nächsten Morgen rächte sich mein Körper und versetzte mich in einen noch erschöpfteren Zustand, der mich meist für einige Tage (meist eine Woche) lahmlegte. In dieser Phase hatte ich weniger Energie als ohnehin schon und war gezwungen, im Bett zu liegen. Mit den regelmäßigen Grenzüberschreitungen und den darauffolgenden schlechten Phasen verstand ich – spät, aber doch, – dass ich die körperlichen Symptome als meine Grenze respektieren sollte.
Mittlerweile habe ich gelernt, meinen Körper und seine Bedürfnisse wahrzunehmen, meistens schaffe ich es, meinen Alltag um meine Bedürfnisse zu bauen, manchmal habe ich aber immer noch Schwierigkeiten, alle Bedürfnisse zu respektieren und die gerade verrichtende Tätigkeit aufzuhören, sobald es mir zu viel wird. “Gerade noch schnell” ist leider immer noch in meinem Kopf verankert.
PMS trifft Burnout
Es dauerte ca. fünf Monate, bis ich verstand, dass schlechte Phasen auch eine Woche vor meiner Periode regelmäßig einsetzten und in diesem Fall nicht eine Überlastung Grund dafür war. Das Prämenstruelle Syndrom begleitet mich nun schon seit einigen Jahren und beschert mir monatliche Ausnahmezustände: Müdigkeit, massives generelles Unwohlsein, grundlose Heul-Attacken, Negativitäten werden zu unüberwindbaren Hürden ohne Aussicht auf Besserung, oder Lust auf Süßes und ungesunde Snacks (das ist eindeutig das Harmloseste). Vielleicht ist PMS ein Schutzmechanismus des weiblichen Körpers, damit man sich schlussendlich auf die unfassbaren Schmerzen freut, wenn dann ENDLICH die Periode einsetzt und der psychische Ausnahmezustand über Nacht zu Sonnenschein und Fröhlichkeit wechselt. Meine Freund:innen (ja, auch meine männlichen!) leiden jeden Monat mit mir und haben glücklicherweise Verständnis dafür. „Es ist wieder soweit“, reicht meist als Info und das Gegenüber weiß um die außergewöhnlichen Reaktionsmöglichkeiten Bescheid.
Durch mein Burnout verhält sich mein Körper auf diverse Einflüsse viel sensibler als gewohnt. Dazu zählen Wetterumschwünge, Hitze, Föhn (Wind) und eben auch hormonelle Umstände wie PMS. Anfangs konnte ich in dieser Phase nur im Bett liegen, mittlerweile bin ich zwar energetisch sehr eingeschränkt, schaffe aber meinen Alltag trotzdem relativ gut.
Meine Hoffnung war, dass Antidepressiva auch gegen PMS-Depression helfen: Leider falsch gedacht. Da hilft nix!


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