Anatomie eines Traumjobs
Während meines Studiums arbeitete ich im Sommer bei meinem letzten Arbeitgeber und fing Feuer für diesen Beruf. Ich entschied mich, mein begonnenes Musikpädagogik Studium zwar zu beenden, den Beruf als Pädagogin jedoch nicht auszuüben. Der neu entdeckte Berufszweig des Kulturmanagements gefiel mir besser und ich war hoch motiviert alles zu erlernen, was mich für diesen Beruf qualifizieren würde. Mein Master in Kunst und Kulturmanagement brachte allerdings wenig inhaltliche, dafür zwischenmenschliche und fremdsprachliche Bereicherungen. Die anderweitig erlangten Arbeitserfahrungen ließen mich verstehen, wie gut organisiert und strukturiert mein erstes Arbeitsumfeld im Festivalbereich war und dass nur dort ein ähnlicher Ordnungssinn, wie mein eigener, herrschte. Mein Ziel war es, wenn schon nicht bei diesem ersten Arbeitgeber, dann zumindest bei einem anderen, ähnlich gut organisierten Festival zu arbeiten. Kombiniert mit meinem Standortwunsch war dies quasi eine Unmöglichkeit.
Nach einigen Zwischenstationen bekam ich schließlich eine Position bei besagtem Wunsch-Festival, zweifelte jedoch anfangs, ob ich dieser verantwortungsvollen Position gewachsen war, bzw. ob ich die nötigen Energien dafür hätte. Ich wusste, dass diese Stelle maßlos unterbesetzt war und dass ich mich und meine Bedürfnisse für diese Arbeit – zumindest im Sommer – aufgeben musste. Die Motivation ließ für diese enorme Kraftanstrengung anfangs noch etwas zu wünschen übrig, jedoch kam ich mit den anfallenden Hürden in Schwung und hatte große Lust alles Neue aufzusaugen und an meinen Aufgaben zu wachsen und zu lernen. Es stellte sich heraus, dass die Arbeitslast schon vor dem Festival kaum tragbar war. Ich ging sehr oft an meine Grenzen und musste diese auch sehr oft überschreiten, Heulattacken inklusive.
Warum wollte ich trotzdem exakt diesen Job ausüben?
Ich hatte etwas gefunden, in dem ich glaubte, gut zu sein, das Feedback der Künstler während meiner Sommerjobs war meistens sehr gut und ich hatte das Gefühl, an den Aufgaben und Herausforderungen stets gewachsen zu sein. Erfolgserlebnisse gab es also einige. Außerdem hatte ich schon als Sommermitarbeiterin viel Verantwortung, man traute mir einiges zu und ich fühlte mich erwachsen, gesehen und ernst genommen. Im Studium war das anders: Ich hatte meistens das Gefühl, nicht gut genug Klavier zu spielen, nicht ausreichend künstlerisch begabt zu sein oder nicht die richtige Formulierung beim Unterrichten zu finden. Daher fühlte ich mich dort oft fehl am Platz – nicht so beim Organisieren.
Die Jobs als Kulturmanagerin haben ohne Zweifel meine Persönlichkeit maßgeblich mitgeprägt, wofür ich sehr dankbar bin. Ich wurde taffer und bekam mehr Selbstvertrauen, was mir im Umgang mit der Pflegesituation meiner Mama sehr half.
Entscheidung für das Ungewisse
Die Arbeitslast meiner Position während meiner Abwesenheit durch mein Burnout wurde von meinen Kolleg:innen und meiner Chefin abgefangen. Man kann sich vorstellen, dass dies eine enorme Belastung für alle war, denn jeder/jede hatte selbst schon ausreichend mit seinen/ihren eigenen Bereichen zu kämpfen. Obwohl nach den ersten paar Monaten zwar stundenweise Aushilfen hinzu kamen, blieb trotzdem sehr viel an meinen Kolleg:innen hängen. Die Belastung, die mein Arbeitspensum für andere darstellte, war mir zu jedem Zeitpunkt bewusst und löste regelmäßig Stresssituationen aus. Es war so schwierig für mich eine Prognose zu erstellen, wann ich wieder einsteigen könne, weshalb ich Mitte April beschloss, meinen Körper zu ignorieren und wieder anzufangen zu Arbeiten. Wie dieses Vorhaben geendet hat, wissen wir ja bereits (Mehr dazu im Beitrag „Einsicht, Wendepunkt und Taschentuch-Phase).
Je mehr ich mich mit dem angesetzten Wiedereinstiegszeitpunkt (September) auseinandersetzte, desto mehr Stressfaktoren wurden mir bewusst: Die Verantwortung, die ich tragen musste, fühlte sich für den Wiederanfang zu groß an und ich würde nicht mehr so leistungsfähig wie vor meinem Burnout sein – vorausgesetzt, es würde mir bis September wieder soweit gut gehen.
Es zeichnete sich im Mai und Juni sehr schnell ab, dass mein Körper nicht vor hatte seinen Zustand wesentlich von einer auf die nächste Woche zu verbessern. Ich konnte mir daher nicht vorstellen im Herbst in den Arbeitsalltag einzusteigen. Je näher dieser Zeitpunkt rückte, desto mehr bekam ich Angst und Stresszustände. Panikattacken waren nun meine neuen Begleiterinnen. Ich wollte aus meiner Situation ausbrechen, weglaufen, diesem beklemmenden Gefühl entfliehen und mir wurde klar, dass ich etwas ändern musste, damit ich nicht mehr nur Passagierin dieser unangenehmen Situation war.
Von einem ebenfalls Betroffenen wusste ich, dass er relativ bald nach Beginn seines Burnouts gekündigt hatte, um dem eben beschriebenen Druck zu entgehen. Ich sah bei ihm, wie viel Zeit seine Genesung brauchte – zwei Jahre – und obwohl jeder Heilungsprozess anders aussieht und eine andere Länge hat, konnte ich mir nun vorstellen, dass ich wahrscheinlich ebenso lange brauchen würde, um wieder arbeiten zu können. Kein Betrieb kann zwei Jahre auf eine Arbeitskraft einfach so verzichten und ich wollte auch nicht mehr dorthin zurück, wo ich in diesen Zustand geraten war. Außerdem wollte ich auch meinen Kolleg:innen die Chance geben, jemanden zu finden, der die Arbeitslast meiner Position abfing. Es machte mir Angst, irgendwann mal wieder so viel leisten zu müssen. Somit wurde dieser Job und auch dieser Berufszweig völlig ungeeignet für mich. Vielleicht war es das schon immer und ich hatte einfach eine völlig falsche Fährte verfolgt…
Ich entschloss mich also zu kündigen, wartete aber mit der Verkündigung meiner Entscheidung ab, da es mir nicht leicht fiel, diese zu treffen und ich mir ganz sicher sein wollte. Es war außerdem die Zeit, in der ich die medikamentöse Therapie gestartet hatte und deshalb in diesem Moment auch nicht immer Herrin meiner Sinne war. Sobald ich den Entschluss zur Kündigung gefasst hatte, hörten die Panikattacken auf – eine enorme Erleichterung und für mich die Bestätigung, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Ich konnte mich nun auf meine Genesung konzentrieren und musste nicht mehr ständig an die Arbeit denken.
Arbeitsbelastung in Betrieben
Zweimal hatte ich das Pech, Positionen zu übernehmen, deren Aufgaben mehr als nur eine Person beschäftigen konnten. Kurz nach meiner Kündigung an der Musikuniversität wurde meine Stelle in der Verwaltung geteilt, da die Aufgaben für nur eine Stelle zu umfangreich waren. Und obwohl es nie wenig Arbeit gab, kam ich mit diesem Workload eigentlich recht gut zurecht – da wusste ich noch nicht, welches Ausmaß mich beim Festival erwarten würde.
Beim Einstellungsgespräch für meinen Traumjob wurde mir versprochen, dass noch eine dritte Person im Organisationsteam eingestellt wird. Bürokratische und logistische Hürden gab es bis zur Ausschreibung der Position zu meistern. Für mich war diese Maßnahme sehr, sehr dringend und hatte oberste Priorität – aber leider nur für mich. Vielleicht auch deshalb nur für mich, weil ich immer versucht habe, brav alles abzuarbeiten, keine Probleme zu machen und die „starke“ und „belastbare“ zu geben, somit habe ich meistens vermittelt, dass es schon irgendwie schaffbar ist. Ich habe nicht kommuniziert, wie sehr ich unter der Belastung litt, denn auch meinen Kolleg:innen ging es zum Teil ja nicht anders. Bis auf die eine oder andere Heulattacke äußerte ich mich kaum, wie sehr ich über meine Grenzen gehen musste. In einer dieser Situationen übernahm sogar meine Chefin einmal eine Aufgabe von mir, um mich etwas zu entlasten. Dabei liegt auf ihrem Schreibtisch auch grundsätzlich zu viel.
Auf die dritte Person wartete ich schlussendlich ein ganzes Jahr – zu spät, um mich zu entlasten, denn ich war schon in der Anfangsphase meines Burnouts. Gleichzeitig zur neuen Position und zur eigentlichen „Entlastung“ kam jedoch wieder ein Großprojekt hinzu, für das ich alleine verantwortlich gewesen wäre. Natürlich war ich auch dafür motiviert. Es war ein Projekt, für das ich brannte, allerdings verursachte die Größe desselben bei mir regelmäßig Schweißausbrüche. Ich hatte außerdem das Gefühl, dass es nie weniger werden würde, weil immer wieder etwas Neues dazu kam. Mehr Personal, mehr Umsetzmöglichkeiten…
Mein Gedanke war stets: „Meine Vorgängerin hatte es ja auch einige Jahre geschafft, also muss ich es auch schaffen!“ Allerdings war auch bei ihr der Workload ein Grund, warum sie gegangen war. Schlussendlich wurde bzw. wird die Arbeitslast meiner damaligen Position auf insgesamt drei Stellen (Teil- und Vollzeit) aufgeteilt. Als ich das erfuhr, war ich tief verletzt und unfassbar traurig. „Warum erst jetzt und nicht schon früher?“. Vielleicht musste mein Burnout als lauter Aufschrei dienen… Mir nützt das jetzt leider nichts mehr, aber zumindest meinen Nachfolger:innen.
Anmerkung: Natürlich war nicht nur mein Job alleiniger Auslöser meines Burnouts. Schließlich war es ein Zusammenspiel von verschiedenen Bereichen. Dennoch glaube ich, dass die Arbeitsbelastung und der damit verbundene Druck alles bestmöglich zu meistern, einer der größten Faktoren war.
Was ich mir von der Arbeitswelt wünschen würde
Das Motto „höher, schneller, weiter und immer noch mehr“ prägt leider jede Branche. Kapitalismus, Profitgeilheit, Budgetmangel (vor allem im Kulturbereich), Perfektionismus und das Bewusstsein der eigenen Ersetzbarkeit sind Ursachen unserer Burnout-Gesellschaft. Fällt ein Dominostein, dann wird er einfach ersetzt oder er stößt durch sein eigenes Gewicht weitere Steine im Umfeld um. Eine Kettenreaktion, die für unsere Gesellschaft, das Gesundheitssystem und die Wirtschaft fatal ist. Aber es wird immer jemanden geben, der/die stark genug ist, um den gefallenen Dominostein – zumindest für absehbare Zeit – aufzuhalten. Solange dies der Fall ist, wird sich wahrscheinlich nichts ändern.
Ich erlaube mir trotzdem mich kurz in eine Arbeitswelt zu träumen, in der Belastungsgrenzen nicht grundsätzlich ausgereizt werden und von den Arbeitenden Menschen individuell aufgezeigt werden müssen, wenn es schon zu spät ist, sondern in der ein Limit an Workload pro Position von der obersten Ebene gesetzt wird: Wie bei Robotern und Computern, denen nur eine gewisse Anzahl an Gigabyte für den Arbeitsspeicher zur Verfügung stehen. Wenn der Speicher voll ist, ist er voll.
… Nur, dass wir keine Roboter sind und unsere menschlichen Grenzen deshalb nicht so respektiert werden, wie sie es sollten.
Berufliche Zukunft

Mein Leben lang hatte ich stets einen Plan und ein berufliches Ziel. Nie war ich orientierungslos oder wusste nicht, was ich arbeiten möchte. Ich habe mich dazu entschlossen zu kündigen und das erste Mal in meinem Leben weiß ich nicht, welche berufliche Zukunft mich erwartet. Früher wäre dieser Zustand für mich unvorstellbar und unaushaltbar gewesen. Heute ziehe ich die momentane Ungewissheit meinem vermeintlichen Traumjob vor und bin offen für alles, was kommen mag.
Ein kurzer Einblick in mein berufliches Kaleidoskop:
Künstlerin, Kunsttherapeutin, Hebamme, Gesangslehrerin an einer Musikschule, Online Unternehmerin – mit was genau weiß ich aber noch nicht ;-P


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