Löffel als Energieeinheit

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Energiemanagement im Burnout

Es ist selbsterklärend, dass man als Burnout Betroffene bisher wohl keinen besonders sorgsamen Umgang mit den eigenen Grenzen an den Tag gelegt hat. Umso schwieriger wird es, diese zu Beginn des Burnouts neu zu entdecken und die ungewohnte Einschränkung zu akzeptieren. Es hat lange gedauert, bis ich das tägliche Limit meines Körpers wahrnahm und noch länger, bis ich es annehmen und respektieren konnte. 

In der Arbeitswelt wird angenommen, dass die Aufgaben innerhalb der Belastungsgrenze des arbeitenden Menschen liegen. Teilweise wird diese Grenze ausgereizt, in seltenen Fällen bleibt die Grenze aber auch weit unterschritten, Unterforderung wäre die Folge. Ich hatte persönlich stets das Gefühl mich in einem relativ gleichbleibenden oder langsam wachsenden oder langsam abflachenden Pensum zu bewegen. Ohne meine besonderen Extras (Pflege, Umbau und Umzug) konnte ich davon ausgehen, dass mein Energielevel pro Tag – bei ausreichend Schlaf etc. – gut für acht Stunden Arbeiten ausreichen würde. Im Moment fehlt mir diese Sicherheit zur Gänze. 

Das Energielevel im Burnout gleicht einer Lotterie: Die eigenen Grenzen differieren täglich und sind unberechenbar. Fast! Sobald eine schlechte Phase begonnen hat, kann ich davon ausgehen, dass sich dieser Zustand im Schnitt eine Woche halten wird. Wie oft hätte ich gehofft, dass sich mein Körper schneller nach einer Überanstrengung erholt… 

Grundsätzlich bestimmt das Minimum an möglicher Leistung meine Planung. Happy me, sollte es möglich sein, über dieses Limit hinauszugehen. Ein Beispiel zur Veranschaulichung: Durchschnittlich kann ich maximal 30 Minuten ebenerdig spazieren gehen – an diesem Limit hat sich seit den ersten paar Monaten des Burnouts nicht viel geändert.  Schaffe ich an einem Tag beispielsweise 40 Minuten, darf ich mich über diese Leistung sehr freuen. Man muss die kleinen Erfolge ohnehin mehr feiern, immer und überall! Leider kann ich aber nicht davon ausgehen, dass es „ab jetzt bergauf geht“ und ich jeden Tag zehn Minuten länger spazieren gehen kann. So läuft das leider nicht im Burnout – dachte ich aber selbst für lange Zeit. 

Viele liebe Menschen in meinem Bekanntenkreis fragen mich oft „Aber es geht dir schon insgesamt besser, oder?“ Meistens weiß ich nicht, was ich darauf antworten soll, denn an manchen Tagen geht es mir nicht besser, als im zweiten Monat meines Burnouts und an anderen Tagen lässt sich die Grenze sehr elastisch nach oben ausdehnen. Ich habe das Gefühl, dass das Gegenüber hofft, mir etwas Positives entlocken zu können, weil zu viel Negativität schlecht für das Gesprächsklima wäre. Auch wenn ich nicht von erfreulichen Entwicklungen berichten kann und ich sehr oft schwierige Phasen durchlebe, sehe ich nicht alles von Grund auf schwarz. Geduld ist der Schlüssel zu meiner Genesung, das musste und muss ich immer noch selbst lernen. Mit der Ungeduld des Gegenübers umzugehen fällt mir umso schwerer. Auch wenn mir wahrscheinlich (und hoffentlich) niemand etwas Schlechtes wünscht, sondern im Gegenteil, dass es mir – endlich! – besser geht, fühle ich mich dennoch unter Druck gesetzt überhaupt ein Resümee ziehen zu müssen. Leider ertappe ich mich aber dabei, eben diese positiven Berichte abzugeben, obwohl ich im Inneren nicht das Gefühl habe, eine derartige Entwicklung zu durchleben. Es liegt selbstverständlich ein großes Stück weit an mir, wie ich auf diese Fragen reagiere: Ich möchte also in Zukunft versuchen, noch ehrlicher zu sein und Tatsachen über mein Befinden nicht zu verschönern. Meistens ist es ok so wie’s gerade ist – auch in schlechteren Phasen. Und manchmal ist es das eben nicht.

Löffel als Energieeinheit

In einer Dokumentation über chronisches Fatigue-Syndrom (kurz CFS) hörte ich zum ersten Mal den Begriff des „Energielöffels“. Dieser hilft den an CFS leidenden Menschen, den Alltag mit Energieeinheiten einzuteilen. Man geht davon aus, dass pro Tag eine gewisse Anzahl an Energielöffeln zur Verfügung steht und diese im Laufe des Tages durch bestimmte Tätigkeiten verbraucht werden. Beispielsweise könnte eine Dusche drei Energielöffel kosten, Kochen kostet zwei Löffel, Spazieren drei etc. Die Löffel werden im besten Fall über den Tag verteilt, sodass die eigene Grundversorgung (wenn möglich) nicht durch andere, evtl. unnötige Energie-Konsumenten beeinträchtigt ist. Dieses System des Energiemanagements half bzw. hilft auch mir bei meinem Burnout. Ich rechne von der Grundversorgung abwärts: 

Aufstehen, Duschen, Körperpflege und Frühstück sind fixe Abnehmer der ersten paar Löffel. Muss bzw. möchte ich zu Mittag kochen, beeinflusst der Umfang des Kochens meine vormittägliche Tätigkeit. Ein Kaffee mit Freund:innen, oder Besorgungen sind dann kaum noch am Vormittag möglich. Über den Extremzustand „Lebensmittel einkaufen“ werde ich nochmal in einem gesonderten Beitrag berichten. Diese Tätigkeit nimmt nämlich alle Löffel des Vormittags und des Mittagessens in Anspruch. Kochen ist demnach nicht mehr möglich.

Nach meiner obligaten Mittagsruhe, in der ich wieder ein paar Löffel sammeln kann, beginnt dann die Verteilung der restlichen Löffel des Nachmittags, selbstverständlich unter Abzug jener für das Abendessen. Vorkochen, Einfrieren, schnelle, unkomplizierte Gerichte und mein geliebter Thermomix® erleichtern mir das Löffelmanagement und helfen mir Energie zu sparen. 

Besorgungen, Hausputz, Termine und Verabredungen mit Freund:innen fallen ebenfalls in dieses Schema. Vielleicht kann man sich vorstellen, dass die Einteilung manchmal kompliziert ist, Erledigungen auf mehrere Tage aufgeteilt werden müssen, oder Termine auf bestimmte Uhrzeiten gelegt werden müssen, damit ich mein Energiemanagement einhalten kann. Klar, es gibt Ausnahmen und es gibt vor allem auch meinen Kopf, der immer noch fleißig befiehlt und glaubt, diese Berechnungen nicht immer so ernst nehmen zu müssen. Momente, in denen mein Kopf die Oberhand gewonnen hat, büße ich mit einer langen Woche Liegen und Löffelfasten. 

Obwohl diese Denkweise zu meiner neuen Normalität geworden ist, hätte ich mir vor meinem Burnout einen derartigen Alltag niemals vorstellen können. Wahrscheinlich fällt es auch trotz diesem Beschreibungsversuch schwer zu verstehen, wie das Energiemanagement im Burnout aussehen kann, aber vielleicht gelingt es mir dennoch, einen besseren Einblick zu vermitteln.

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