Expedition: Waldspaziergang

4–7 Minuten
4–7 Minuten

Als indirekte Fortsetzung des Beitrages über Energiemanagement von letzter Woche, geht es auch heute um den Einsatz und den Haushalt von Energieressourcen im Burnout. Konkret handelt dieser Beitrag von einem Erlebnis, bei dem ich meine Kräfte und Reserven überschätzt und mich dadurch in eine – für mich – beängstigende Situation gebracht habe. 

Es war ein warmer Juni Nachmittag, an dem ich beschloss, einen Waldspaziergang zu machen. Da ich nicht direkt von meinem Haus in den Wald (ebenerdig) losgehen konnte, fuhr ich ein Stück mit dem Auto bis zum Beginn eines Forstweges. Diesen Weg kannte ich gut, in jede Richtung, denn er wurde in den vergangenen Monaten zu meinem Lieblings-Kraftplatz. 
Man findet dort alles was man für das Waldtanken braucht: kühle, feuchte Luft, ein Bächlein das einen Brunnen speist und weiter nach unten fließt, von dem man trinken kann und das beruhigend vor sich hin plätschert. Man ist umgeben von hohen Nadelbäumen, an denen Eichhörnchen empor kraxeln und Vögel sich gegenseitig ansingen. Immer wieder führt der Weg an Lichtungen vorbei, an denen man bis zur gegenüberliegenden Talseite und in Richtung Talende blicken kann. 

Ich spazierte also von meinem Auto los, vorbei an dem Brunnen und den ersten paar Lichtungen. Mein Umkehrpunkt ist normalerweise ein Hinweisschild, welches auf einen steilen Pfad verweist. Dort weiß ich, dass ich insgesamt ungefähr 30 Minuten unterwegs sein werde und die Hälfte davon schon geschafft habe. An diesem Tag gefiel es mir aber besonders gut mich zu bewegen und alle möglichen Blumen und Pflanzen in meiner Pflanzen-App zu suchen und zu studieren. Ich spazierte also weiter am Hinweisschild vorbei, weil ich mich gut fühlte und mir dachte, dass ich “ja nur sehr langsam gehe und eigentlich fast stehe”. Ich war also guter Dinge, dass ich genug Energiereserven für meinen Spaziergang hatte und diesen auch zu Ende führen konnte. Es kam der Punkt, an dem ich umkehrte und immer noch relativ fit wieder an dem Hinweisschild vorbeikam. Ich beschloss, mich auf einen Baumstamm zu setzen, damit ich noch etwas länger im Wald bleiben konnte. Um diesen zu erreichen, musste ich ca. zehn Meter steiles Gelände hinaufklettern. Auch das traute ich mir und meinen Energiereserven zu, immerhin konnte ich mich oben sitzend ausruhen. Was ich in dieser Berechnung nicht mit einkalkuliert hatte war, dass ich mich um bequem sitzen zu können, mit meinen Beinen abstützen musste und permanent meine Oberschenkelmuskel im Einsatz hatte. (Derartige Anstrengungen, bei denen eine bestimmte Muskelpartie besonders beansprucht wird, sind die größten Energiekonsumenten, von denen sich meine Muskeln nur sehr, sehr langsam erholen). 

Die Baumstamm-Pause war folglich weniger erholsam als geplant und ich entschloss mich bald, endgültig den Heimweg anzutreten. Während des Abstiegs fiel mir plötzlich auf, dass meine Brille, die ich vorhin halb in meine Hose gesteckt hatte, nicht mehr an selbiger Stelle war. Ich suchte also den steilen Weg ab und machte ein paar nicht eingeplante Schritte in steilem Gelände. Leider war sie nicht aufzufinden. Mir wurde klar, dass ich sie wahrscheinlich in dem Teil des Weges verloren hatte, der hinter dem Hinweisschild lag. 

In diesem Moment übermannte mich plötzlich eine bedrohliche Müdigkeit, die ich nicht kommen gesehen hatte und die ich nur zu gut kannte: Es war meine Grenze, die ich demnächst zu überschreiten drohte. Meine Augenlider wurden schwer, ich bekam das Bedürfnis ständig zu gähnen und mein Herzschlag wurde kräftiger und schneller. Um meine Brille zu finden, hätte ich nochmal entlang des Wegstücks vorbei am Hinweisschild gehen müssen. Es wurde mir unmissverständlich klar, dass sich dieses Vorhaben energetisch nicht mehr ausgehen würde, sofern ich nicht die gesamte kommende Woche im Bett verbringen wollte. Ich musste also Prioritäten setzen. Kurz dachte ich mir, dass sich so wohl Extrembergsteiger fühlen müssen, wenn sie auf Expedition Ausrüstung verlieren und ums Überleben kämpfen…
Nur, dass ich mich auf einem Waldspaziergang befand, zehn Minuten von Zuhause entfernt war, mitten in einem Ortsgebiet, bei angenehmen Temperaturen und ohne sichtbare Gefahren. Also gut, vielleicht doch nicht ganz vergleichbar… 😉 
Es schockierte mich, dass ich diese Müdigkeit nicht kommen gesehen hatte. Ich bemerkte die Grenze erst, als sie sich schon direkt vor meiner Nase befand und es eigentlich zu spät war. Wie sehr ich unbewusst eventuelle kleinere Anzeichen ignoriert hatte, weil mein Kopf wieder mal stärker sein wollte, kann ich leider nicht mehr feststellen.

Ich trat also meinen Heimweg an und ging in einem besonders langsamen Tempo, um mich nicht zu überanstrengen. Dies war aber leider nicht vermeidbar, denn egal wie langsam ich ging, mein Körper verlangte nach etwas ganz Anderem: Liegen. 
Die Angst vor der Grenzüberschreitung mit tagelangen Folgen wuchs mit jedem Schritt. Der Rückweg kam mir ewig vor. Als ich ungefähr zwei Drittel des Weges hinter mir gelassen hatte, beschloss ich, eine zehnminütige Pause einzubauen und mich auf ein am Wegesrand liegendes Holzbrett zu legen, um meinem Körper zumindest kurze Regeneration zu gönnen. Diese Maßnahme half auch soweit, dass ich wieder ein paar Minuten gehen konnte, bis schließlich mein Herzschlag wieder kräftiger wurde. Im letzten Teil des Weges, kurz vor meinem geparkten Auto, gab es eine Holzbank, die mein nächstes Ziel für eine Pause verkörperte. Wieder legte ich mich zehn Minuten hin und wartete, bis sich mein Puls beruhigte. 
Mit den letzten Energiereserven erreichte ich schließlich fix und fertig mein Auto. 

Der restliche Tag war für mich gelaufen. Ich hatte keine Ressourcen mehr und begab mich in die Horizontale, wie es mein Körper mir diktierte. Ich glaube, mich zu erinnern, dass ich aber glücklicherweise nicht eine ganze Woche ans Bett gefesselt war. Vielleicht haben mir die beiden Pausen dieses Schicksal – zumindest für dieses Mal – erspart. 

Ein weiteres Spaziergangs-Malheur passierte mit einer Freundin in der Stadt. An diesem Tag hatte ich obendrein weniger Energielöffel als für 30 Minuten Spazieren zur Verfügung. Kurz gesagt: Es endete damit, dass wir mit einem Elektro-Roller den Rückweg angetreten sind. Das war dann sogar recht lustig. 

Für gesunde Menschen mögen diese Situationen wahrlich absurd klingen, da man sich wahrscheinlich kaum vorstellen kann, wie es sich anfühlt, sich durch einen Waldspaziergang derartig zu verausgaben. Mir hat dieses Erlebnis erschreckend vor Augen geführt, wie wenig ich mich auf meinen Körper und meine Einschätzung der eigenen Ressourcen verlassen kann. Seitdem bin ich viel vorsichtiger geworden und halte mich bei Spaziergängen strikt an die maximalen 30 Minuten, oder versuche frühzeitig, erste Anzeichen zu erspüren. 

4–7 Minuten

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