Kündigung und Coldplay

4–7 Minuten
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In diesem Beitrag nehme ich euch mit auf eine Reise durch einen für mich ganz besonderen und zukunftsweisenden Tag. Es war der 28. Juli, ein Freitag und ich hatte an diesem Tag gleich zwei wichtige Termine, startete ihn aber mit gemischten Gefühlen. Zu diesem Zeitpunkt befand ich mich auf einem höchsten Hoch durch die Therapie mit Antidepressiva und kippte in manchen Momenten schon fast in eine Manie. Ich kannte diese super gelaunte und überglückliche Esther bis jetzt noch nicht. 

Coldplay und ich

Ich wuchs mit Abba, Boney-M, Madonna und vielen Künstler:innen auf, deren Namen ich nicht wusste. Die Begeisterungswelle für Tokio Hotel, Britney Spears und Back-Street-Boys ließ mich – zum Glück – aus. Coldplay war wohl die erste Band, deren Namen ich mir merken konnte und begleitete mich fortan verlässlich durch meine Jugend und durch schwere Zeiten. Als ich anfing Klavier zu spielen, musste Clocks (Musiktitel) für meine ersten Gehversuche mit diesem Instrument herhalten. Der Stil der Band veränderte sich, aber ich konnte den neu erschienenen Alben stets mehrere Titel abgewinnen, die mir gefielen und ich blieb ein treuer Fan. Als mein Cousin vom Besuch eines Coldplay-Konzertes schwärmte, schrieb sich der Wunsch, selbst eines zu besuchen, in dicken Buchstaben auf die Liste meiner Lebensziele. In Ermangelung einer eventuellen Begleitung zum Konzert, schob er sich jedoch weiter, bis ich gemeinsam mit meiner ehemaligen Mitbewohnerin (damals in Rom) versuchte, Karten für ein Konzert der Band in Mailand zu erstehen. 

Dieser Versuch scheiterte kläglich. Der Ansturm auf die Tickets war enorm und obwohl ich  mich rechtzeitig ins System eingeloggt hatte, war es chancenlos. Den Traum begrub ich folglich vorerst, weil es mir unmöglich schien, je in die Nähe dieser Band zu kommen. Ich gewöhnte mir ab ihre Musik zu hören, da es mich traurig machte, so weit von diesem Lebensziel entfernt zu sein. Immer wieder verfolgte ich zwar Tourdaten, jedoch schien der Zeitpunkt in Zusammenhang mit den Orten durch meine berufliche Verpflichtung unmöglich. 

Ein neuer Vorverkaufsstart für die Tour 2024 stand an. Es waren Stadien dabei, die näher nicht sein konnten und für die jeweils mehrere Termine angesetzt waren. Endlich bot sich eine Gelegenheit, auf die ich gewartet hatte. Außerdem hatte ich beschlossen zu kündigen und war demnach voraussichtlich zu diesem Zeitpunkt frei von Verpflichtungen. 

Der Pre-Sale am Donnerstag war frustrierend und zerschlug meine Hoffnungen wieder. Im Laufe des Tages wurde jedoch noch ein weiterer Termin an meinem Wunschort hinzugefügt und ein kleiner Hoffnungsschimmer keimte auf. Durch den Pre-Sale wusste ich, dass ich ständig die Website aktualisieren musste, um möglichst schnell einen Platz in der Warteschlange zu ergattern. Ich spannte sogar den Partner meines Bruders für diese Tätigkeit mit ein, der sich mit solchen Dingen gut auskannte. 

An besagtem Freitag ging es morgens um neun Uhr los: Ich saß mit Laptop und Handy am Küchentisch und aktualisierte jeweils im Sekundentakt die Website. Am Handy kam ich sofort in eine Warteschlange und es öffnete sich das Auswahlfenster. Ich konnte es nicht glauben, so weit gekommen zu sein. 

Schlussendlich ergatterte ich mehrere Sitzplatzkarten für mich und zwei Freundinnen und war der glücklichste Mensch. Ich konnte mich nicht erinnern, je solche Glücksgefühle gehabt zu haben – auch Antidepressiva sei Dank. Mit meiner Viva la Vida tönenden Musikbox in den Händen tanzte ich in gehörschädigender Lautstärke durchs Haus. … bis es Zeit war aufzubrechen um meine Kündigung hinter mich zu bringen. 

Der Termin wurde von meiner Chefin festgesetzt, da sie mit mir meine berufliche Zukunft besprechen wollte. Auch wenn ich demnächst selbst einen Termin festgesetzt hätte, um zu kündigen (nachdem ich ein paar bürokratische Dinge noch zu erledigen hatte),  war ich heilfroh, dass ich diesen Ballast nun endlich  loswerden konnte. Die Kündigung traf meine Chefin etwas unerwartet, jedoch sah ich ihr an, dass auch sie erleichtert war, dass sie endlich konkrete Pläne für die personelle Zukunft und meinen Ersatz schmieden konnte. Es war ein für mich emotionaler Moment und ein Wechselbad der Gefühle: Ich war erleichtert, traurig, wehmütig, heilfroh und das alles gleichzeitig. Durch meinen plötzlichen Krankenstand und meiner monatelangen Abwesenheit, marschierte ich nicht mit meinen Sachen aus dem Büro, wie ich es im gesunden Zustand bei Beendigung des Arbeitsverhältnisses tun würde. Es gab also keinen räumlichen Abschied oder Schlusspunkt, denn es war schon lange nicht mehr mein Schreibtisch und meine Sachen hatte ich schon in mehreren Etappen abgeholt. Im Grunde änderte sich also für mich in meinem derzeitigen Leben nichts, denn ich würde weiterhin im Krankenstand sein. Mein beruflicher Status änderte sich lediglich auf dem Papier und ich war erleichtert, diese Last nicht mehr tragen zu müssen, es fühlte sich aber alles auch seltsam an.
Im Anschluss an das Gespräch gingen meine Chefin und ich zu meinen Kolleg:innen, um ihnen die Neuigkeit zu verkünden. Es machte mich sehr traurig, mich von ihnen als Team verabschieden zu müssen. Wir umarmten uns herzlich und ich verließ endgültig meinen alten Arbeitsplatz. 

Ein Lebenstraum wurde mit einem anderen getauscht: Mein lange geglaubter Traumjob mit dem lange ersehnten Coldplay Konzert. Es war für mich indirekt eine Bestätigung, die richtige Entscheidung getroffen zu haben, denn hätte ich wieder begonnen dort zu arbeiten, wäre der Konzertbesuch unmöglich, da es sich mit der Festivalzeit und der betrieblichen Urlaubssperre überschnitten hätte. 

Auch der restliche Tag war geschwängert von Ausschüttungen an Glückshormonen: Gleich nach dem Gespräch traf ich spontan und beinahe zufällig – für fünf Minuten – eine enge Freundin und konnte die außergewöhnlichen Erlebnisse des Tages gleich schon mit ihr teilen. 

Am Nachmittag ging ich bereichernd aus meiner Psychotherapiestunde, hatte ein nettes Telefonat mit einer Freundin und aß spontan mit einer anderen Freundin zu Abend. Die Krönung des Tages war dann schließlich noch die Poleposition meines monegassischen Lieblings-Formel-1-Fahrers (Forza Ferrari!!). Jedes Erlebnis, jede Begegnung, jedes Gespräch nahm ich als Bereicherung und Fügung wahr. Mein Tagebucheintrag ist geschmückt mit breit grinsenden Gesichtern und Herzchen. Ich brachte aber auch mein Erstaunen zum Ausdruck, dass das Leben so gut zu mir war und konnte es kaum fassen. Im Nachhinein betrachtet spielten die stimmungsaufhellenden Medikamente eine große Rolle. So glücklich war ich danach nicht mehr (Mehr dazu im Beitrag “Meine Erfahrung mit Antidepressiva) 

Nichtsdestotrotz: Die Antidepressiva und das Leben reichten sich an diesem Tag die Hand und machten ihn ganz besonders schön. Ich konnte den schweren Schritt der Kündigung positiv abschließen, wofür ich sehr dankbar bin.

PS: In meiner Playlist poppt nun fast ständig Coldplay auf. Man muss sich ja auf das Konzert vorbereiten… 😉 

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