Einkaufen Im Burnout

4–7 Minuten
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In diesem Beitrag versuche ich, die alltägliche Tätigkeit des Einkaufens aus Sicht einer Burnout-Betroffenen zu schildern. Nie hätte ich gedacht, dass diese Notwendigkeit zu einem Kraftakt wird, den ich regelmäßig fürchte. Den Abstand zwischen den Einkäufen versuche ich so groß wie möglich zu halten, damit ich nicht unnötig oft meine Energiereserven dafür aufbringen muss. 

Zu Beginn meines Burnouts war ich nicht fähig einzukaufen, denn alleine aus dem Haus zu gehen, verbrauchte schon zu viele Energieeinheiten. Glücklicherweise war mein Papa in dieser Phase sehr fürsorglich und brachte mir regelmäßig meine benötigten Lebensmittel. Als ich mich nach einigen Wochen etwas besser fühlte, versuchte ich meine geliebte Selbstständigkeit wieder zurückzuerobern. Nicht selten kam ich völlig erschöpft im Geschäft an und war schon wieder im roten Bereich meiner Batterien. Erst durch solche Erlebnisse wurde mir bewusst, welche Schritte zum Einkaufen dazugehören und wie viel Energie diese eigentlich erfordern. Für einen gesunden Menschen mag es auch manchmal mühsam sein, – zugegeben, gerne habe ich das noch nie gemacht – allerdings darf man davon ausgehen, dass man diese Tätigkeit von Anfang bis Ende mit genügend Energie zu Ende bringen kann. Wir sprechen hier natürlich nicht von einem IKEA-Samstagvormittag-Einkaufs-Marathon, sondern ausschließlich von Lebensmitteleinkäufen im nächstgelegenen Supermarkt. 

Folgende Energiekonsumenten gibt es beim Einkaufen im Burnout:

  • Aus dem Haus gehen
  • Anreise zum Supermarkt (in meinem Fall mit dem Auto, weil zu Fuß gehen leider energietechnisch nicht möglich ist) 
  • Weg zum Einkaufswagen
  • Eintritt in die superlative Reizüberflutung
  • Produktkoordination, um so wenig wie möglich Laufmeter zu erzeugen (funktioniert leider überhaupt nicht, aber dazu später)
  • Differenzierung des Gehirns von Produkten zwischen  “Brauche ich”, “Brauche ich nicht” 
  • Orientierung: wo finde ich was
  • An der Kasse stehen und warten (Stehen ist allgemein anstrengend) 
  • Produkte aufs Förderband auflegen 
  • Unter Zeitdruck und Stress einpacken
  • Bezahlen
  • Einkäufe ins Auto laden
  • Weg zur Retournierung des Einkaufswagen
  • Fahrt nach Hause
  • Transport der Einkäufe ins Haus
  • Deponieren und Einräumen 

Abgesehen von der physischen Belastung, der man beim Einkaufen ausgesetzt ist, kommt noch die geistige Herausforderung hinzu. Als gesunder Mensch nimmt man die zu verrichtenden Aufgaben des Gehirns beim Einkaufen wohl kaum wahr, da diese Vorgänge automatisch passieren. Für jemanden mit Konzentrationsstörungen werden die einfachsten Tätigkeiten aber zur Challenge:

Ohne Einkaufsliste würde ich mich aktuell nicht in ein Geschäft wagen, da ich mir maximal zwei bis drei Produkte merken kann. Aber selbst mit Liste renne ich unnötig oft zu ein und demselben Regal, weil ich schon wieder vergessen habe, was ich eigentlich dort wollte. Der Differenzierungsprozess für Produkte, die ich benötige oder nicht benötige, bereitet mir die größte Mühe, denn die Reizüberflutung macht mir am meisten zu schaffen. Meine Aufmerksamkeitsspanne wird durch die vielen optischen Reize (Farben, Schriften, Verpackungen) massiv verkürzt, sodass die beste Lösung, um zum benötigten Produkt zu gelangen, jene ist, nur auf den Boden zu schauen und nicht mit schweifendem Blick zwischen den Regalen zu marschieren, bis man zumindest in der Nähe des gesuchten Artikels ist. 
Zusätzlich zu den optischen Reizen kommen aber noch akustische Reize hinzu, die mein Gehirn ebenfalls überfordern (Stimmen, Lärm durch arbeitende Verkäufer etc.). Zum Glück gibt es in Lebensmittelgeschäften kaum laute Musik oder häufige Durchsagen, anders jedoch in Bekleidungsgeschäften. Diese Beschallung ist für mich kaum aushaltbar und ich versuche, solche Shops gar nicht erst zu betreten.

Wenn der Hofer die Regale umstellt

Im nächstgelegenen Lebensmittelgeschäft hatte ich aufgrund meiner häufigen Besuche schon einen relativ guten Überblick und wusste auswendig, welche von meinen benötigten Lebensmitteln wo stehen. 

… Bis zu dem Zeitpunkt, als die Regale umgestellt wurden…

Als ich zum ersten Mal das neu eingerichtete Geschäft betrat, traf mich fast der Schlag. Ich wusste nicht, wo ich war, denn ich erkannte den Innenraum nicht wieder. Und ich bekam Angst vor der neuen Herausforderung, mich in diesem Labyrinth zurechtzufinden und unzählige Produkte in meinem Gehirn filtern zu müssen, um zu meinen Artikeln auf der Liste zu gelangen. Völlig orientierungslos schleppte ich mich durch die neu arrangierten Regale und begegnete einigen ebenfalls verzweifelten Gesichtern. Ich war folglich nicht die Einzige, der es schwer fiel, sich neu zu orientieren. Bis jemand das “Leitsystem” oberhalb der Regale entdeckte und mich darauf hinwies. Schön und gut, aber diese Schilder muss ich auch erstmal lesen und mich so positionieren, damit ich sie alle lesen kann. Nach diesem Einkauf war ich völlig erschöpft, noch mehr als sonst, aber ich hatte zumindest den ersten Orientierungslauf  hinter mich gebracht. 

Sich neu zu orientieren ist für jeden Menschen bis zu einem gewissen Grad anstrengend, was, denke ich, auch vollkommen normal ist. Für jemanden wie mich, die unzählige unbekannte Städte in verschiedenen Ländern inklusive unbekannter Sprachen, bereiste und nie Orientierungsprobleme hatte, die sich auf sich selbst und die eigene Gehirnleistung verlassen konnte, ist es schwer sich einzugestehen, dass diese Fähigkeit (vorübergehend) verloren ging. Trotzdem nachsichtig mit sich selbst zu sein und Verständnis für sich selbst und die temporären Möglichkeiten bzw. Limits aufzubringen stellt eine große Herausforderung für mich dar. 

Im ländlichen Bereich kennt man die eine oder andere Kassierer:in mit der/dem man hin und wieder plaudert. Nicht nur einmal wurde ich an einem Werktag vormittags gefragt, ob ich “frei” hätte – wie man das beim Smalltalken so macht. Obwohl ich sonst sehr offen mit meinem Burnout umgehe, konnte ich auf diese Frage nur mit einer Lüge antworten, weil ich mich geschämt habe. Ich habe mich geschämt, weil ich nicht in der Arbeit war, weil ich im Moment nicht arbeiten kann, aber vor allem weil ich arbeiten sollte. Leider verfolgt mich diese Scham besonders beim Einkaufen immer wieder, da ich dies zu Uhrzeiten erledige, zu welchen nur Mamis mit Kleinkindern und Pensionist:innen ebenfalls Zeit finden. Natürlich gibt es noch Schichtarbeit oder freie Tage, aber ich weiß ja, dass weder das Eine noch das Andere zutrifft. 

Das Gefühl, meinen Zustand in Großbuchstaben auf der Stirn zu tragen, gemeinsam mit einer großen Prise Scham, einem Esslöffel Angst vor Vorurteilen und Überforderung, einen Liter körperliche Erschöpfung und einen Teelöffel Konzentrationsschwierigkeiten machen das Einkaufserlebnis immer zu einem besonderen Knäckebrot, an dem ich oft zu knabbern habe. 

Warum ein ganzer Beitrag nur übers Einkaufen? 

Leider stieß ich in der Vergangenheit bei meiner Familie auf Unverständnis, weil ich nicht mit meinem 89 jährigen Opa einkaufen gehen wollte. Ohne nachtragend zu sein, habe ich versucht, eine ausführlichere Erklärung für meine Entscheidung zu liefern, damit das Verständnis dafür leichter fällt. 

Ich bin schon froh, wenn ich es schaffe, für mich selbst einzukaufen. 😉 

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