Gastbeitrag: Schuld und Scham als Begleiter ins Burnout

11–16 Minuten
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Im heutigen ersten Gastbeitrag erzählt Lupo, ein ebenfalls Burnout-Betroffener, seine Geschichte. Er beschreibt nicht nur Gedanken, die ihn dorthin geführt haben, sondern auch ein bestimmtes Grundgefühl, das ihm ein ständiger Begleiter auf seinem Weg ins Burnout war.
Spannende Lesezeit wünsche ich euch. Alles Liebe, Esther

Vom Gefühl sich ständig verstecken zu müssen oder der Junge in der eisernen Maske

„Ohne mich würde es allen besser gehen und sie hätten es leichter!“ Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie alt ich war, als mir zum ersten Mal dieser Gedanke kam, doch weiß ich, dass ich noch ein Kind gewesen sein muss, denn ich habe ihn damals laut ausgesprochen und an meine Stofftiere adressiert. In einer anderen ähnlichen Erinnerung, war ich schon etwas älter. Ich stand vor einem Bild meiner Familie, das in unserer Küche hing. Darauf zu sehen waren meine Mutter, mein Vater, meine Schwester und ich. Das Foto wirkte gestellt, was auch nicht verwunderlich ist, denn es war von einem Fotografen in einem Studio aufgenommen worden und dementsprechend inszeniert. Ich stand vor diesem Bild und erkannte das Problem auf dem Foto sofort. Mittendrin war es zu sehen und hatte ein, extra für den Fotografen, gespieltes Lächeln im Gesicht. Doch nicht einmal das schien diesem Jungen richtig zu gelingen, wie ihm sonst eigentlich auch nichts anderes gelang. Dieser Junge war ich. Ich schnitt mich selbst gedanklich aus dem Familienfoto heraus und beobachtete, wie sich das gestellte Familienporträt, ohne mich, in einen Schnappschuss einer kleinen fröhlichen Familie verwandelte. „Ohne mich wären sie besser dran und hätten es leichter“, dachte ich mir und sah dieses gedankliche Herausschneiden von mir selbst als Beweis für diese These an. Auch hier weiß ich nicht mehr, wie alt ich war, aber auf dieser Aufnahme war ich ungefähr zwölf Jahre alt. Es sollten noch weitere Fotos folgen, bei denen ich im Laufe meines Lebens dasselbe tat. Klassenfotos, Mannschaftsfotos meines Fußballteams oder einfach nur Aufnahmen, auf denen ich mit anderen Personen abgebildet war und der (Trug)schluss blieb ebenfalls immer derselbe.

Ich war wütend und manchmal auch traurig darüber, dass ich, egal wie sehr ich mich anstrengte – anscheinend – zu nichts fähig war, oder Erfolge verzeichnen konnte. Ich wollte nicht der Junge sein, der immer allen nur das Leben schwer macht und eine einzige Enttäuschung ist. Nein, ich wollte beweisen, dass ich Fähigkeiten und einen Wert besaß. Aber all diese Versuche scheiterten meiner Meinung nach kläglich und schmerzvoll. Das aus heutiger Sicht eigentlich Schlimme und damals trotzdem so Logische war, dass ich ab einem gewissen Zeitpunkt resignierte, denn es fühlte sich wie mein Schicksal an. Am Ende war ich weder gut in der Schule, noch unbedingt ein Mädchenschwarm. Ich hatte nichts Cooles zum Anziehen und war körperlich immer einer der Schwächsten. In der Schule wurde ich zum Ziel von Hänseleien und zu Hause war ich nicht brav genug. Zudem war ich handwerklich ungeschickt, konnte weder zeichnen noch singen und beim Fußballspielen hatte ich den Ruf, der Langsamste zu sein. Diese Liste ließe sich noch – meinem Gefühl nach – endlos fortsetzen. Obwohl ich eigentlich nicht wissen konnte, ob mein Umfeld dasselbe über mich dachte, waren es für mich in Stein gemeißelte Tatsachen und ich war mir sicher, dass sich meine Meinung über mich mit der aller anderen decken würde.

Sich sicher zu sein, nur eine Last für die Menschen im eigenen Umfeld zu sein und diesen nur unnötig das Leben schwer zu machen, sowie selbst nicht in der Lage zu sein etwas Wertvolles beitragen zu können, hatte irgendwann ein durchgehendes Schuldgefühl in mir ausgelöst. Ich fühlte mich schuldig dafür, ich zu sein. Ich denke, das ist es, was ich heute als diese von mir gefühlte Scham bezeichnen würde. Ein schlechtes Gewissen zu haben, überhaupt geboren worden zu sein. Fühlt man sich aufgrund seines eigenen Verhaltens schuldig, kann man sich dafür entschuldigen und im Optimalfall das nächste Mal sein Verhalten ändern. Wenn man allerdings meint, nicht das Verhalten sei das Problem, sondern man selbst ist es, kann man es ebenfalls versuchen und wird so enden wie ich.

Mein Problem war, dass ein Teil von mir überzeugt davon war, weder irgendetwas zu können noch einen Wert zu besitzen. Ein anderer Teil in mir hatte dann irgendwann die Lösung parat: Ich musste ganz einfach nur das Problem, also mich selbst, so gut wie möglich verstecken und mir eine Maske aufsetzen, damit niemand mehr sehen konnte, wer oder was eigentlich dahinter steckt.

Es war ein zum Scheitern verurteiltes Vorhaben, das ich bis vor rund zwei Jahren dennoch zu perfektionieren versucht hatte und von dem ich zwischendurch sogar gedacht hatte, es auch erfolgreich geschafft zu haben. Irgendwann hatte ich die Leitung eines Sozialprojekts mit über zehn Mitarbeiter:innen inne, war Kapitän eines Fußballteams und ich war zuvor auch Vorsitzender der Studienvertretung meines Studienzweigs.

Nichts von dem Erreichten machte mich stolz, sondern erhöhte lediglich den Druck. Denn für mich war klar, dass es nicht ich und meine Fähigkeiten sein konnten, die mich so weit gebracht hatten. Der unfähige Junge, der so zum Schämen war, konnte das doch niemals geschafft haben. Ich war mir sicher, dass es einerseits Glück war und andererseits war es hauptsächlich meine Maske, die diese Dinge sozusagen für mich erreicht hatte. Die Maske gab mir einen Wert und war der Grund, warum ich plötzlich Wertschätzung und Anerkennung erhielt und sie war es auch, die schlussendlich dafür gesorgt hatte, dass ich endlich keine Last mehr für andere war. Sie wurde zu einem Teil von mir und nur wenn ich ganz alleine zu Hause in meinem Zimmer und nur mit mir selbst war, konnte ich sie manchmal abnehmen. Doch diese Zeiten wurden immer weniger und die Maske wurde zu einer Art zweiten Haut. Sie bestand aus verschiedenen Teilen, die sich im Nachhinein, im Rahmen meiner Psychotherapie und meiner Selbstreflexion, als Strategien herausstellten. Sie hatten die Aufgabe, den kleinen Jungen, der zu nichts fähig sowie zum Schämen war und deshalb von niemandem gemocht wurde, vor genau diesem Gefühl zu schützen. Hier eine Auswahl dieser Strategien und warum ich diese angewandt habe:

  • Niemals Nein sagen: Wenn ich Nein gesagt hätte, hätte ich jemanden enttäuscht oder ich hätte zugegeben, dass mir etwas zu viel war oder ich etwas nicht konnte. 
  • Dinge erst gar nicht beginnen oder machen: Ich habe bis heute meinen Masterabschluss nicht, weil ich mich nicht traute, die Masterarbeit zu schreiben. Ich kannte die Professor:innen und Lehrenden aus der Gremienarbeit und sie hatten eine gute Meinung von meiner Maske. Ich war mir sicher, dass sie, wenn sie erst einmal eine Masterarbeit von mir lesen würden, bemerken würden, dass ich eigentlich nichts kann und sie stattdessen nur ein Trugbild von mir kennengelernt hatten.
  • Konfrontationen vermeiden und falls das nicht möglich ist, immer nachgeben: Ich hätte sowieso verloren, was mich daran erinnert hätte, wer ich bin. Es war also besser, es gar nicht erst anzusprechen und sich gleich damit abzufinden.
  • Niemals um Hilfe bitten und alles mit sich selbst ausmachen: Wenn ich um Hilfe gebeten hätte, wäre ich anderen zur Last gefallen.
  • Immer da sein: Dadurch, dass ich immer da war, konnten andere nicht bemerken, dass sie ohne mich im Grunde besser dran wären.
  • Keine Fehler machen: Jeder noch so kleine Fehler hätte die Maske zerbröckeln lassen können.
  • Sich für alles verantwortlich fühlen: Wenn ich das Problem war, war es logischerweise auch meine Aufgabe oder sogar Pflicht, dafür zu sorgen, dass niemand wegen mir Schaden nahm und sei es nur durch eine von mir ausgelöste ungute Emotion.
  • Immer vorsichtig, zu hundert Prozent konzentriert sein und so weit wie möglich Vorausdenken, um die Kontrolle zu behalten: Wenn ich Fehler vermeiden und nicht auffliegen wollte, war das wichtig und endete nicht selten in Gedankenkreisen über kleinste Details, was sehr anstrengend sein konnte. Mein Kopf und meinen Antennen waren (und sind es heute immer noch oft) ständig eingeschaltet und am Scannen.
  • Immer alles geben und ständig über die eigenen Grenzen gehen: So konnte mir niemand – auch ich mir selbst nicht – vorwerfen, ich hätte mich nicht richtig angestrengt.
  • – Nichts Falsches sagen oder tun: Wenn ich etwas Falsches sage oder tue, zeige ich allen, dass eigentlich ich falsch bin.
  • Keine Emotionen zulassen: Emotionen zu spüren, hätte es schwierig für mich gemacht, diese Strategien umzusetzen. Vor allem hätte ich dann diese ständige Scheiß Angst aufzufliegen spüren müssen oder dieses so schmerzhafte Gefühl der Scham und Unzulänglichkeit, das hinter all dem steht.
  • Sich selbst hintenanstellen: Für mich war es wichtiger, dass es allen anderen gut geht, immerhin können sie nichts dafür, dass ich so schlecht bin.

Wichtig bei der Umsetzung all dieser und noch weiterer Strategien war wohl auch noch eine gehörige Portion Selbsthass, den ich entwickelt hatte und dessen Stimme mir ständig Parolen wie „Reiß dich zusammen“, „Sei nicht so faul“, „So schwer ist das gar nicht“, „Selbst schuld wenn du sonst nichts kannst“, „Wenn du dich wehrst fliegst du raus“, „Wenn du einmal nicht spielst, spielst du nie wieder“, „Es steht dir nicht zu etwas zu sagen“,“Du bist so blöd“,  „Du musst nicht andere damit belasten“, „Kein Wunder, dass dich niemand mag“ usw. zurief und mich damit auf eine sehr destruktive Art und Weise motivierte, diese Strategien anzuwenden. Auch heute rede ich noch manchmal in diesem Ton mit mir selbst, schaffe es mich aber mittlerweile zu stoppen. Die schwierigste Parole für mich war aber immer ein „Du musst“, an das verschiedene Verhaltensweisen geknüpft wurden. Die Maske entschied sozusagen für mich.

Sie war zu einem Teil meiner Identität geworden, ich lebte mit ihr, hatte resigniert und mich meinem Schicksal hingegeben, bis eines Tages mein Körper und meine Psyche nicht mehr mitgespielt haben und ich ins Burnout geschlittert bin. Die besagten Strategien bedeuteten in der beruflichen Praxis Unmengen an Überstunden, krank arbeiten zu gehen, Aufgabenbereiche mit hoher Verantwortung inne zu haben, ständig auf Abruf zu sein etc. Hinzu kam, dass ich diese Strategien ebenfalls in anderen Bereichen meines Lebens anwendete, wie beim Fußballspielen im Verein (ich habe so gut wie kein Training verpasst und nicht nur einmal krank oder verletzt gespielt) oder auch im familiären Bereich (wenn ich rund um meinen Geburtstag meine beiden Omas, meine Mutter und meinen Vater sehen will, muss ich dafür drei Tage einplanen, weil es aufgrund von verschiedenen Konstellationen nicht anders geht). Auch wenn ich zu dem Zeitpunkt bereits mit dem Fußballspielen aufgehört hatte, kann man wohl getrost davon sprechen, dass mein Burnout mit einem gehörigen Anlauf gekommen ist.

Panikattacken, Angstzustände, der Verlust jeglicher Energie und ein kompletter Nervenzusammenbruch waren die Folge. Das Schlimmste daran war, dass ich einfach nur das Gefühl hatte, mein Körper wäre zu schwach für meinen Kopf. Ich wusste doch eigentlich was ich alles zu tun und zu erledigen hatte, doch mein Körper ließ mich einfach nicht mehr, also musste doch etwas mit meinem Körper nicht stimmen. Nach einer Untersuchung war klar, dass es nichts Körperliches war, was für mich anfangs schwierig zu akzeptieren war. Ich brauchte ein paar Monate, bis ich tatsächlich für mich annehmen konnte, dass diese ganzen Symptome von meiner Psyche ausgelöst wurden. Mein Körper hatte die Maske, die zu einem Teil von mir geworden war, anscheinend abgestoßen.

Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits in Psychotherapie, die ich, rund einen Monat nach meiner von meiner Hausärztin diagnostizierten akuten Belastungsstörung, begonnen hatte. Zu dieser Therapie hätte ich es wohl niemals geschafft, wenn mir meine Freundin und meine Schwester nicht geholfen hätten, die dafür notwendigen Schritte einzuleiten und sie mich nicht zu den dafür nötigen Vorterminen begleitet hätten. Nicht nur einmal habe ich mich gefragt, wie das Menschen schaffen sollen, die diese Unterstützung nicht haben. Das Haus zu verlassen war ein absoluter Horror, denn sobald ich das tat, fühlte sich jeder Schritt so an, als hätte ich keine Kontrolle über meinen Körper. Ich hatte ständig das Gefühl, jede Sekunde zusammenbrechen zu können. Auch Telefonieren fiel mir schwer und ich saß teils stundenlang vor dem Telefon, bis ich es überhaupt schaffte, eine Nummer zu wählen. Kurz gesagt, ich war völlig am Ende und ich hatte von all dem, was ich bis hierhin geschrieben habe, keine Ahnung. Denn diese Transformation und das Schmieden und Aufsetzen der Maske passierte völlig unbewusst und die erwähnten Kindheitserinnerungen mit den Fotos hatte ich vergessen. In mir war eigentlich nur dieses Gefühl und der Glaube, dass mein Körper zu schwach für meinen Kopf war, der doch eigentlich wusste was ich zu tun hatte und ich wollte doch einfach nur so weitermachen, auch wenn ich mittlerweile realisiert hatte, dass das nicht mehr ging.

In der Psychotherapie war der erste Schritt zu akzeptieren, dass meine Symptome psychosomatischer Natur waren und irgendwann wurde mir klar, was dieses „mein Kopf ist zu schwach für meinen Körper“ bedeutete: Ich hatte meine einzige Stärke verloren, denn all die aufgezählten Strategien und Verhaltensweisen waren für mich meine einzige Stärke. Sie waren die eine Sache, die ich konnte und die mir somit einen Wert gab. Von heute auf morgen war diese plötzlich weg. Mein Kopf wollte daran festhalten, doch mein Körper konnte einfach nicht mehr, denn zu lange hatte ich meine Gefühle einfach ignoriert, hinuntergeschluckt und weggeschoben. Irgendwann hatte ich gar nichts mehr gefühlt und mich selbst bis zum nervlichen und körperlichen Zusammenbruch getrieben. Das alles nur, um so zu funktionieren, wie ich geglaubt hatte, dass ich es musste.

Zuerst brauchte ich einige Monate, um überhaupt wieder Gefühle spüren zu können, bevor im Laufe der Therapie sehr langsam (gefühlt wirklich sehr, sehr langsam) die Strategien und Muster erkennbar wurden und somit alles, was ich bis jetzt geschrieben habe, klarer für mich wurde. Im Rahmen einer Therapieeinheit sagte meine Therapeutin einmal, dass es anstrengend klinge, wenn ich ständig so handeln würde und mein Kopf ständig eingeschaltet wäre, um ja keinen Fehler zu riskieren. Ich antwortete ihr damals: „Das ist der Preis meines Lebens, den ich zahlen muss“. Auch wenn ich es damals noch gar nicht bemerkt hatte und noch viele Therapiestunden folgten, um dahin zu kommen wo ich heute bin und wohl noch viele weitere folgen werden, war es der Moment in dem ich es zum ersten Mal begriffen hatte: Diese Strategien waren meine Maske und versteckten wer ich, meiner Meinung nach, wirklich war. „Ich will doch einfach nur, dass es allen gut geht, ich will niemanden enttäuschen und ich würde so gerne irgendetwas können“ sagte ich ein anderes Mal in der Therapie und war mir dabei sicher, das konnte ich nur mit dieser Maske. Denn ohne sie wäre ich doch nur der Junge auf dem Familienfoto an der Wand und dieser wusste bereits, ohne ihn würde es doch allen besser gehen und sie hätten es leichter.

Auch heute habe ich noch manchmal dieses Gefühl und nicht selten bemerke ich erst im Nachhinein oder zwischendurch, dass ich meine Maske trage. Doch mittlerweile fällt es mir wenigstens auf und ich kann somit bereits bewusster entscheiden, ob ich sie tragen möchte oder nicht. Es gibt Momente, in denen ich das noch möchte, doch heute habe ich mich dazu entschieden, sie abzulegen und euch zu zeigen, wer hinter ihr steckt. Ich fühle mich zugegeben ein wenig unsicher und habe Angst, wie mein Text bei euch ankommen wird, oder ob es wieder etwas ist, was ich eigentlich nicht kann. Zumindest fühlt sich dieser Beitrag aber ehrlich und nach mir selbst an.

Liebe Esther, danke für diesen Blog, deine Offenheit, deinen Mut und deine Inspiration, die mir geholfen haben, diesen Gastbeitrag zu schreiben. Ich wünsche dir viel Glück, Liebe, Kraft und Erfolg auf deinem weiteren Weg.

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