Bestimmte Glaubenssätze begleiten uns schon seit frühesten Kindheitstagen. Dabei ist es oft nicht einfach, ihren wahren Ursprung zu ergründen, um zu verstehen, wie man in weiterer Folge mit ihnen umgehen kann.
Ich habe mich auf die Suche nach meiner zentralen Antriebskraft, die mich ins Burnout geführt hat, begeben und bin auf einen Glaubenssatz gestoßen, der wohl mehrere Ursprünge zu haben scheint.
Um einen Wert zu besitzen, muss ich Leistung erbringen.
Gemeinsam mit dem tiefen Bedürfnis nach Wertschätzung und Anerkennung, war es das perfekte Rezept für mein Burnout.
Die Leistungsorientierung muss wohl in der Schule begonnen haben, denn plötzlich wurde man für alles bewertet und musste brav sein und durfte nicht auffallen. Mein Volksschullehrer war leider nicht der beste Pädagoge und bevorzugte spürbar meine männlichen Schulkameraden. Als Mädchen konnte man also schon grundsätzlich nicht alles richtig machen. In den ersten paar Schuljahren bekam ich rasch den Stempel in Deutsch und Mathematik, gewisse Schwächen zu zeigen. Diese Bewertung löste in mir das Gefühl aus, nicht gut genug oder nicht intelligent genug zu sein. Fortan schwamm ich in fast jeder Schulstufe im Mittelfeld, bis auf das letzte Hauptschuljahr: Durch eine massive Mobbing-Erfahrung war mein größter Wunsch, möglichst weit weg von dieser schrecklichen Erfahrung und den Mitschüler:innen zu kommen. Ich gab mir besonders viel Mühe, meine Noten so weit zu verbessern, dass ich anschließend das Gymnasium besuchen konnte, wo ohnehin kaum jemand hin wollte.
Parallel zu den Leistungsansprüchen in der Schule kam noch der Leistungsanspruch am Musikinstrument, vor allem im größeren Familienkreis. Mein älterer Cousin lernte seit frühen Jahren Klavier und gab zu Weihnachten regelmäßig Konzerte an einem Flügel in einem eigens organisierten Konzertraum. Mit meinem Instrument, der Blockflöte, hatte ich eigentlich schon verloren, denn niemand wollte diesen Klang hören. Auch wenn meine Eltern mir dieses Gefühl nie gaben, bekam ich es indirekt in der Großfamilie.
Im Studium hatte ich das Gefühl, weder eine gute Wissenschaftlerin, noch eine begabte Musikerin zu sein. Ich versuchte, meine (von mir wahrgenommenen) Mängel mit Fleiß zu kompensieren. Das gelang auch in den Vorlesungen meist recht gut, in den praktischen Fächern suchte ich immer nach Ausreden: Eigentlich bin ich keine Wissenschaftlerin, sondern Musikerin, eigentlich bin ich ja keine Musikerin, sondern Managerin, eigentlich will ich später nicht unterrichten und brauche deshalb die vorausgesetzten Fähigkeiten im Klavierspiel nicht. Ich war ziemlich kreativ und fand immer eine Entschuldigung, warum ich nicht zu Höchstleistungen fähig war.
Retrospektiv sehe ich nun meine Leistung in einem anderen Kontext, denn trotz allen Ansprüchen habe ich viel geschafft – wenn auch im Mittelfeld, aber immerhin.
Meine Auslandsaufenthalte waren für meine Familie “toll” und ich hatte endlich das Gefühl gesehen zu werden, denn ich “ging meinen Weg” und hatte etwas “erreicht”.
Vor allem im Berufsleben keimte der Wunsch nach Mehrwert, Anerkennung und Wertschätzung vermehrt auf und wurde je nach Arbeit unterschiedlich erfüllt. Ich wünschte mir stets, dass meine Arbeit jemandem hilft, nützt oder etwas bewirkt und es war für mich wichtig, die Auswirkung meiner Arbeit und meiner Bemühungen mit den Augen zu sehen.
Mein Job an der Musikuniversität war geprägt von positiven und lieben Rückmeldungen, seitens der Studierenden und der Lehrenden (meistens), aber auch von meiner Chefin. Ich bekam viel Anerkennung und hatte das Gefühl, meinen Job gut zu machen. Zwischenmenschliche Wertschätzung war also dort nicht das Problem, sondern finanzielle. Ich kam mit dem Gehalt kaum über die Runden. Meine diversen Studienabschlüsse und meine bisherigen Arbeitserfahrungen waren diesbezüglich nichts wert und ich wurde von der Zuständigen der Wirtschaftsabteilung derb abgefertigt. Es gab also keine Chance auf eine Gehaltserhöhung – in den nächsten Jahren (!).
Aber auch nachdem ich dort gekündigt hatte, bekam ich bei diversen zufälligen Begegnungen mit Lehrenden und Studierenden immer noch positive Rückmeldungen zu meiner Arbeit. Zugegeben: Das war Balsam für meine Seele.
Meine Nebentätigkeit für das Vokalensemble war stets geprägt von respektvollem Umgang, gegenseitiger Dankbarkeit und Wertschätzung nicht nur auf Organisationsebene, sondern auch als direkte Rückmeldung von den Sänger:innen. Vor allem deshalb fiel es mir schwer, meine Position dort aufzugeben, denn ich hatte das Gefühl, als Managerin einen guten Job zu machen und in dieser Position “richtig” zu sein.
Je mehr Zeit man für eine Tätigkeit zur Verfügung hat, desto genauer kann man diese ausführen und desto mehr kann man sich Gedanken zur Optimierung machen. Meine Einstellung war immer: Je besser ich meine Arbeit mache, desto mehr werde ich geschätzt, desto größer ist der von mir produzierte Mehrwert.
In meinem Job beim Musikfestival war es jedoch kaum möglich, mehr als das Allernötigste zu leisten, oder sich über Optimierung Gedanken zu machen, denn die Zeit reichte dafür schlichtweg nicht. Oberste Priorität war, Dinge abzuarbeiten und alles vorzubereiten, damit es funktionierte. Während des Festivals verlagerte sich die Tätigkeit auf Problembewältigung, Abarbeiten war nur noch erschwert möglich und musste nach Dringlichkeitsstufe gereiht werden. Es war kaum Zeit für positives Feedback, denn man beschränkte sich auf Rückmeldungen zu Dingen, die noch nicht funktionierten. Zu den Künstler:innen hatte ich in meiner Position nur per Mail Kontakt bzw. nur zu deren Agent:innen, vor Ort übernahmen meist eigens dafür eingesetzte Mitarbeiter:innen die direkte Betreuung. Ob für die Künstler:innen alles zu ihrer Zufriedenheit war, erfuhr ich meist nur aus zweiter Hand. Ich musste mich also damit abfinden, dass der von mir erstrebte Mehrwert darin bestand, dass alles funktionierte, sprich, dass sich niemand beschwerte, denn ein Danke bekamen die betreuenden Mitarbeiter:innen. Dabei wollte ich (für mich) so viel mehr.
In meiner Position war ich vor allem im Sommer auch Ansprechperson und direkte Vorgesetzte von vielen jungen Mitarbeiter:innen. Es war mir ein besonderes Bedürfnis, ihnen Feedback (vor allem Positives) zu geben und Dankbarkeit für die gute Zusammenarbeit auszudrücken. Auch wenn es schwierig war, denn man kommuniziert automatisch in stressigen Momenten nur jene Dinge, die nicht in Ordnung sind oder noch gemacht werden müssen. Trotzdem hatte ich das Gefühl, dass ihnen dieser pädagogische Ansatz zumindest in einzelnen Momenten Motivation zum Arbeiten gab und sie mit ein klein wenig Stolz erfüllt hatte. Ich hatte in meinem Job einen Perfektionsanspruch, um kein negatives Feedback zu bekommen. Wenn ich negatives Feedback erhielt, hatte ich nämlich wieder das Gefühl, die Arbeit im Grunde nicht gut zu machen. Der Schwachpunkt, den niemand kannte, wurde oft unwissend gedrückt und ich wusste nicht, wie ich eine Schutzhülle um diesen Knopf bauen konnte.
Dieses große Bedürfnis nach Wertschätzung, Mehrwert und Anerkennung wurde mir aber erst im Laufe meines Burnouts bewusst. Während ich inmitten zahlreicher Verpflichtungen steckte und im Hamsterrad der Anerkennung hinterherrannte, hatte ich keine Chance, diesen wunden Punkt und den Grund für meinen Perfektionismus zu erkennen oder gar entgegenzuwirken – ein weiterer Aspekt meines Burnouts, für den ich dankbar bin.
Während meines Reflexionsprozesses wurde mir bewusst, dass ich wohl im Grunde nicht für einen Bürojob geeignet bin, denn die Interaktion mit Menschen bereitet mir mehr Freude als die Interaktion mit einem Computer. Demnach siedle ich meine beruflichen Zukunftsgedanken eher im Sozialbereich an.
Ich weiß zwar nicht woher genau das besondere Bedürfnis nach Wertschätzung und Mehrwert kommt – auch wenn es wohl größtenteils “normal” ist, dieses zu empfinden – jedoch verstehe ich mich jetzt selbst ein bisschen bessern, kann das Bedürfnis benennen und damit umgehen.

Pause
Neue Beiträge werden fortan nicht mehr im wöchentlichen Rhythmus veröffentlicht, da ich mir ab und zu eine Pause gönnen und Themen nicht an den Haaren herbeiziehen möchte. Danke all den treuen Leser:innen, denen die erste Pause sofort aufgefallen ist. Das ist das schönste Kompliment für mich und meinen Blog.


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