Ein Rückschritt und der 30. Geburtstag im Burnout

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Im letzten Beitrag habe ich über das nächste Level meines Genesungsprozesses und von den “neuen” Aktivitäten erzählt. Inzwischen hat sich herausgestellt, dass leider doch nicht so vieles, wie von mir zunächst gedacht, möglich ist. Mein 30. Geburtstag steht bevor, was mich über meine aktuelle Situation und mein Burnout mehr reflektieren lässt als gewohnt und als es für mich wahrscheinlich gut wäre. Ein kurzes Update und ein Überblick. 

Die von mir heiß ersehnten sportlichen Aktivitäten bringen mir leider immer noch mehr Erschöpfung als Kraft, weshalb ich diese zugunsten von alltäglichen Aufgaben wie Kochen oder Haushaltstätigkeiten fast gänzlich wieder auslasse. Ein paar Mal startete ich wieder einen Schwimmversuch und bewegte mich nicht länger als 15 bis 20 Minuten. Obwohl ich die Müdigkeit während der Aktivität nicht spüre, bricht sie dafür nachher mit voller Wucht über mich herein. Der restliche Tag ist somit gelaufen und schließt weitere Aktivitäten weitestgehend aus. Es gibt immer Dinge, die ich am Tag erledigen möchte und meistens sind es mehrere. Einen ganzen Tag zu „opfern“, damit ich mich körperlich betätigen kann, spricht meiner Meinung nach nicht dafür. Denn im Grunde kostet es mich mehr Kraft als mir die Tätigkeit zurückgibt. Ein neuer Aspekt, der auf die mangelnde Bewegung  zurückzuführen ist, ist meine Gewichtszunahme. In meinen 30 Lebensjahren war mein Gewicht stets konstant. Ich musste mir weder über das Essen oder nicht essen, noch über Bewegung Gedanken machen, weil ich dafür stets eine gute Balance hatte. Außerdem hatte ich immer Freude an Bewegung und musste mich nie zum Sport zwingen. Ein komisches und unangenehmes Gefühl, dass ich nun nicht mehr Herrin meiner Balance sein kann und gerade kaum Einfluss habe, wie sich mein Körper verändert. Natürlich ist das Jammern auf hohem Niveau, mein Gewicht ist immer noch im absoluten Normalbereich, aber es ist mir neu, dass ich in gewisse Kleidungsstücke nicht mehr so gut hinein passe. Wieder ein Lernprozess und eine Aufforderung meinen Körper wie er ist und die momentanen Veränderungen zu akzeptieren und lieben zu lernen.  

Drei Termine und eine exzessive Grenzüberschreitung

Die Belastungsgrenzen sind von Tag zu Tag unterschiedlich und kommen manchmal schleichend, können durch präventive Pausen nach hinten verschoben werden, oder treffen mich mit voller Wucht, plötzlich und unerwartet. Dann geht von einem Moment zum nächsten nichts mehr. Mein Körper verlangt sofort nach einer Liegeposition, mein Kopf hingegen versucht zu verhandeln und sämtliche Kraftreserven zu mobilisieren, um die momentane Tätigkeit (oft sind es auch einzelne Handgriffe) beenden zu können. Wer die erste Runde des Duells gewinnt, ist meist offen, gegen Ende hin gewinnt aber immer der Körper und bekommt seine Ruhe – mittlerweile. Diese Grenzerfahrungen zeigen mir immer wieder, wo ich stehe und wie weit ich in meinem Prozess bin.

Letzte Woche hatte ich einen besonders anstrengenden Tag mit drei Terminen und ich geriet in Gebiete jenseits der Grenze. Es startete mit einem recht frühen Vorsorgetermin bei meiner Internistin, weshalb ich mein Schlafpensum nicht erreichen konnte – was sich in meinem Zustand enorm auf meine Fitness auswirkt. Anschließend beschloss ich, die von meiner Ärztin geratenen Ernährungsverbesserungen gleich umzusetzen und machte mich auf den Weg in den nächsten Supermarkt. Lange Wege – weil Kaufhaus – brachten mich schon zum ersten Mal dezent an die Grenze. Zu Hause angekommen, musste ich noch kochen und war dann reif für meinen Mittagsschlaf. Dieser verlief leider nicht so erholsam, da ich sehr unruhig war, weil ich wusste, dass am Nachmittag ein weiterer Termin anstand. Meine Villa Kunterbunt braucht in den nächsten Jahren eine neue Heizung, neue Fenster etc. und ich versuche ganz gemütlich und Schritt für Schritt die Vorbereitungen für diese Maßnahmen zu treffen. Der Termin war sehr informativ, aber kognitiv anstrengend, denn es ging um Förderungen, Prozente und daran geknüpfte Bedingungen. Nach zwei Stunden war ich dann der Grenze schon wieder gefährlich nah und anstatt mich wieder hinzulegen, spekulierte ich mit den restlichen Reserven und erledigte noch bürokratische Dinge am Computer. Nach dem Abendessen war Yoga in der Villa Kunterbunt angesetzt und ich kämpfte schon vor Beginn mit meinen Reserven. Ab der Hälfte der Yoga-Einheit fingen meine Muskeln an zu zittern und gaben mir nun endgültig den Hinweis, dass die Grenze schon weit überschritten war. Die zweite Hälfte lag ich fix und fertig auf meiner Matte und sah den anderen bei den Übungen zu. Es war keine Muskelanspannung mehr möglich. Nach der Yoga-Einheit war ich am Ende meiner geistigen und körperlichen Kapazität. So sehr, dass ich das Gefühl hatte, ich müsse aus purer Erschöpfung und Verzweiflung weinen.

An diesem Punkt war ich schon lange nicht mehr gewesen und es erschreckte mich, dass diese Momente immer noch möglich waren. Es war ernüchternd zu sehen, wo ich mich auf meiner Genesungsreise befinde und dass mich drei Termine an einem Tag dermaßen fordern. Die Folge dieser Ereignisse war ein “Crash”, mit dem ich die nächsten paar Tage zu kämpfen hatte. Dieser begleitet mich nun schon seit über einer Woche und ich habe das Gefühl, sogar mehr als zwei Rückschritte gemacht zu haben. Schon lange hatte ich nicht mehr das Gefühl, mich beim Zähneputzen oder Duschen hinsetzen zu wollen, weil mich meine Beine kaum tragen können. In Momenten wie diesen rücken meine Genesung und eine mögliche Arbeitsbeschäftigung in unerreichbare Ferne. 

Offiziell Arbeitslos

Apropos Arbeit: Ich musste mich diese Woche arbeitslos melden, da mein Anspruch auf Krankengeld ausgeschöpft ist. Mir bleibt also nur diese Möglichkeit, um momentan meine Rechnungen bezahlen zu können. Ich bin sehr dankbar, in einem Sozialstaat leben zu dürfen und in dieser Situation abgesichert zu sein, allerdings weist das System auch die ein oder andere Lücke auf, denn eigentlich gehöre ich noch in den Krankenstand und nicht auf den Arbeitsmarkt. Es fühlt sich nicht gut an, vorzugaukeln, ich könnte arbeiten gehen, obwohl ich weit davon entfernt bin. Der von mir gefürchtete Termin beim Arbeitsamt war zum Glück nicht schlimm, aber ich würde lügen zu behaupten, dass mich die damit verbundenen Pflichttermine nicht stressen. 

Ich wünsche mir so sehr, wieder arbeiten zu können und eine gegebene Tagesstruktur zu haben. Manchmal bin ich sogar etwas neidisch, wenn Freundin:innen von der Arbeit erzählen. Oder wenn ich mit meinem Bruder meine Mama besuche, er nebenher remote arbeitet, während ich mich hinlege oder mir eine Beschäftigung suchen muss. Im Gegenzug kann ich ohne Stress Zeit mit Mama verbringen – wovon ich jede Minute genieße. Natürlich hat meine Situation auch gute Seiten. Bekannterweise will man aber immer das, was man nicht haben kann. 

Der 30. Geburtstag im Burnout

Nie hätte ich gedacht meinen 30. Geburtstag im Burnout und mit ungewissen Zukunftsperspektiven zu verbringen, wieder an einem beruflichen Anfang zu stehen, den ich noch nicht mal benennen kann und weit weg von privaten Zielen zu sein.
In einer meiner Freundesgruppen (wir sind vier Mädels und kennen uns aus der Schulzeit), haben zwei davon im vergangenen Jahr ein Kind bekommen, und die Dritte erwartet nun im August ihr erstes. Ich freue mich für jede einzelne und auch die Kleinen kennenzulernen. Außerdem habe ich eine Schwäche für Babys und bin immer glückselig, wenn ich eines halten darf.
Ich fühle mich gleichzeitig hilflos und gefangen in meiner Situation. Ich kann im Moment mein Leben nicht aktiv gestalten, da meine Genesung den Hauptteil meiner Energie beansprucht. Ich kann kaum etwas planen oder große Entscheidungen treffen und ich fühle mich nicht bereit, mich aktiv in die Partnersuche hinein zu stürzen und neue Menschen kennenzulernen. Das alles macht mich zu einer Passagierin und nicht zur Steuerfrau meines Lebens. Man sollte sich nicht vergleichen mit anderen – schon klar! Aber es passiert unweigerlich, wenn man zu einer Minderheit innerhalb einer Gruppe gehört und dadurch zur Außenseiterin wird. Vor allem, wenn der Rest der Truppe erreicht, was man sich für sich selbst wünscht.

Es stresst mich, obwohl ich im Grunde weiß, dass ich Zeit habe, um eine Partnerschaft aufzubauen und in weiterer Folge hoffentlich eine Familie. Wenn ich sehe und mir vorstelle, wie sehr man seine eigenen Bedürfnisse für ein Kind hinten anstellen muss und wie kräftezehrend die Anfangszeit ist, bekomme ich Angst. Werde ich je wieder so fit sein, um eine derartige Belastung stemmen zu können? Wie viele Jahre brauche ich noch, um wieder fit zu sein, um wieder arbeiten zu können, um eine Familie gründen zu können? 

Es ist schwierig, sich aus diesem Gedankenstrudel wieder ins Jetzt zu holen, aber ich habe Freund:innen, die in einer ähnlichen Situation sind und die es schaffen, mich immer wieder liebevoll an all die positiven Aspekte meiner Situation zu erinnern. Danke dafür! 

Perspektive

Das Malen stellt eine “Arbeitstätigkeit” dar, die auf meine aktuellen Bedürfnisse und Anforderungen angepasst ist, da ich Zeit und Umfang selbst bestimmen kann. Ich habe, wenn ich möchte, immer eine Aufgabe und dafür bin ich unendlich dankbar. Dadurch, dass ich seit kurzem arbeitslos gemeldet bin, kann ich meine Bilder nun auch offiziell (als Nebenerwerb) verkaufen. Das ist meine Perspektive, an der ich mich versuche festzuhalten und zu der ich immer wieder zurückkehren kann, sollte ich durch mein Umfeld wieder veranlasst sein, zu weit in die Zukunft zu blicken. 

Folgt mir auf Instagram, um keines meiner neuen Bilder zu verpassen. 🙂 

https://www.instagram.com/esth.etic.art/

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