Nichtwissend wie ich mich im April fühlen würde, buchte ich schon vor einigen Monaten für diesen Monat eine Reise in die große Stadt – Wien. Etwas riskant, aber es war ein großes Ziel und eine Perspektive, die mir Motivation gab. Gleichzeitig hatte ich aber großen Respekt vor diesem ersten Ausflug in die Großstadt und etwas Angst vor der Reizüberflutung.
In diesem Beitrag nehme ich euch auf meinen Kurztrip mit und ihr erfahrt, wie es sich anfühlt, im Burnout zu reisen.
Der Hauptprogrammpunkt dieser Reise, die ich gemeinsam mit meinem Papa und seiner Partnerin antrat, war der Besuch der Formel 1 Ausstellung – ich bin bekennender F1-Fan. Durch die lange Anfahrt beschloss ich, für zwei Nächte in Wien zu bleiben. Wir durften bei meiner dort lebenden Tante übernachten.
Nun aber von vorne:
Am Tag der Abreise war ich, zugegeben, etwas nervös, weil ich nicht wusste, wie ich all die Reize verarbeiten würde und ob ich überhaupt Rückzugsmöglichkeiten hätte. Eine neue Situation, denn eine Reise nach Wien, hatte mich noch nie nervös gemacht… Los ging es am Donnerstagabend, an dem wir uns mit dem Auto in Richtung Bahnhof aufmachten. Soweit so gut, die Reizüberflutung hielt sich noch in Grenzen.
Am Bahnhof angekommen begann die schonungslose Geräuschüberflutung, beginnend mit einem Rettungseinsatz inklusive Blaulicht und Sirene, die direkt neben uns losging. Der erste Adrenalinstoß fuhr durch meinen Körper und löste Stress aus. Die vielen grölenden Jugendlichen und generell extremen Menschenmassen am Bahnhof trugen noch weiter zu meinem Stresslevel bei. Ich war schon jetzt extrem gereizt und die kleinsten Kleinigkeiten waren plötzlich schon zu viel. In solchen Momenten keimt eine mir untypische Misanthropie auf, für die ich mich im selben Moment wieder schäme. Die Kontrolle über diese menschenfeindlichen Gedanken ist mir aber in solchen Situationen kaum möglich.
Wir waren viel zu früh am Bahnsteig und mussten gefühlt sehr lange in der Kälte, umgeben von Menschenmassen warten. Der Zug war heillos überfüllt – zum Glück hatten wir eine Sitzplatzreservierung – ich war etwas eingepfercht zwischen Menschen und hatte weder Beinfreiheit noch Platz, um mich irgendwie zu bewegen. Trotz Ruhezone verwendete ich meine Ohrstöpsel, da mir selbst die Ansagen des Zugpersonals und die Geräusche des fahrenden Zuges zu viel waren. Die erste Herausforderung war geschafft. Nach fünf Stunden Fahrt kamen wir spät abends in Wien an und wurden netterweise sogar von meinem Onkel am Bahnhof abgeholt. Zuvor musste ich mich aber wiederum durch Menschenmassen kämpfen und wurde nicht nur optisch und akustisch gefordert, sondern auch mein Geruchssinn wurde stark durch einen Döner beansprucht, der neben mir im Aufzug verzehrt wurde. Die volle Großstadt-Dosis also.
Nun hatte ich es nach Wien geschafft und konnte mich sogar etwas zurückziehen, da ich das Wohnzimmer meiner Tante für mich alleine hatte. Am nächsten Morgen erwachte ich einigermaßen erholt. Das Frühstück mit fünf Personen am Tisch war die erste Reiz-Herausforderung des Tages. Teilweise wurde durcheinander geredet und im Hintergrund lief der Fernseher. Da ich ja nur Gast in diesem Haus war, traute ich mich nicht, Wünsche zu äußern, bzw. hätte ich ein Frühstück alleine und in Ruhe benötigt und das war nicht möglich. Gleich am Vormittag hatten wir die Tickets für die Ausstellung gebucht und machten uns bald auf den Weg dorthin. Die nächste Herausforderung stand an: einmal quer mit den Öffis durch die Stadt. Als gesunder Mensch nimmt man wahrscheinlich nur einen Bruchteil der Geräusche wahr, die einem auf einer U-Bahn-Fahrt begegnen. Als Burnout Betroffene kann jedes Geräusch Stress auslösen; das Signal beim Türenschließen der U-Bahn, das mechanische Geräusch selbst der Türen, Störgeräusche während der Fahrt, Menschen die telefonieren oder sprechen. Ich musste bereits in der U-Bahn wieder meine geliebten Ohrstöpsel zücken, damit ich mir zumindest ein paar Energieeinheiten für die Ausstellung aufheben konnte. Mein Lieblingsmoment war, als sich in der U-Bahn ein Straßenmusiker mit seinem Akkordeon genau hinter mich stellte, anfing zu spielen und lauthals zu singen. Ich dachte, ich bin im falschen Film. Großstadt eben…
Bis wir bei der Ausstellung ankamen, verging eine Stunde und wir ließen auch einige Meter zu Fuß hinter uns. Mein persönlicher Akkustand war auf 60% gesunken. Nun ging es los. Zum Glück waren in der Ausstellung wenig Menschen, sodass dieser Faktor der Reizüberflutung wegfiel. Man bekam Kopfhörer, mit denen man zahlreiche Berichte anhören konnte. Ein super Prinzip, denn somit war der Raum, in dem man sich befand, weitgehend ruhig und man konnte auch mal eine Pause von den Beiträgen machen. Insgesamt verbrachten wir ca. eineinhalb Stunden in der Ausstellung. Leider gab es kaum Sitzgelegenheiten, sodass ich vom langen Stehen körperlich sehr erschöpft war. Der letzte Raum der Ausstellung war als Reizinput konzipiert – damit man ja „voll“ bzw. überfüllt die Ausstellung verließ. An drei von vier Wänden hingen jeweils drei riesige Bildschirme, und hinter diesen Bildschirmen befand sich jeweils eine Kinoleinwand. Es wurden unterschiedliche Ausschnitte aus vergangenen Rennen gleichzeitig auf allen Bildschirmen gezeigt, untermalt von lauter, emotional aufwühlender Musik. Man wusste nicht, wo man hinsehen sollte: Die absolute Reizüberflutung also, vor allem für mich. Dieser Raum war, meiner Meinung nach, ein Abbild unserer Gesellschaft bzw. unserer heutigen Kultur: Es genügte nicht nur einen Bildschirm zu betrachten, man musste gleichzeitig von zehn Bildschirmen bestrahlt werden…
Der Besuch der Ausstellung war dennoch für mich ein Highlight, da solche Erlebnisse zu einer Seltenheit geworden sind und ich sie noch mehr zu schätzen weiß. Mein Akkustand lag nun nur noch bei 30%. Wir aßen eine Kleinigkeit am Ausstellungsgelände und machten uns dann in Richtung Innenstadt auf, um dort ins Café Imperial zu gehen und Imperialtorte zu essen – ein weiteres Highlight. Ich pokerte also mit den 30%. Die Anfahrt war wieder kräftezehrend, vor allem durch die weiten Wege, die zu Fuß zurückgelegt werden mussten. Ich genoss die Torte und das Ambiente und war nun im positiven Sinne voll, vor allem mit guten Erlebnissen. Nach dem Besuch blinkte mein Energieakku dann schon bei 7%, die ich für die Heimfahrt definitiv verbrauchen würde. Es kamen noch Regelschmerzen hinzu, die mir dann noch den Rest gaben. Bei meiner Tante angekommen, war ich reif fürs Bett und legte mich für zwei Stunden hin.
Eigentlich hätte ich die Möglichkeit gehabt, am Abend gemeinsam mit meinem Onkel ein Konzert der Wiener Philharmoniker zu besuchen. Angesichts der verbrauchten Energie war es für mich aber unmöglich, dort noch hinzugehen und mich – wenn auch durch schöne Musik – beschallen zu lassen. Auch wenn ich mich ärgere, dass ich diese Chance nicht ergreifen konnte, musste ich mir eingestehen, dass mein Burnout immer noch den Ton angibt.
Der nächste Tag verlief bis auf die Frühstücksherausforderung relativ ruhig. Ich besuchte noch meinen Cousin und seine Frau und machte mich dann auf den Heimweg, alleine, denn mein Papa blieb noch eine Nacht länger. Die Rückfahrt war zum Glück nicht so anstrengend wie die Hinfahrt, da weniger Menschen im Zug waren. Meine Ohrstöpsel waren trotzdem im Dauereinsatz.
Obwohl der Ausflug natürlich sehr anstrengend war, hat er mich aber erfüllt und gab mir Motivation und positive Energie, da ich wieder mal etwas erleben konnte und mir in meinem Burnout-Alltag eine Abwechslung geschaffen habe. Außerdem war es ein persönlicher Meilenstein, denn ich konnte sehen, dass meine körperlichen Grenzen sich ausgedehnt haben. Vor ein paar Monaten wäre mir diese Reise noch schwerer gefallen.
Allerdings war ich noch nie so glücklich, wieder zu Hause zu sein: In meiner Villa Kunterbunt, in Ruhe, in der Natur, ohne Menschenmassen.


Hinterlasse einen Kommentar