Resilienz

4–6 Minuten
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Viel hat sich geändert in den letzten Wochen, vieles hat mich beschäftigt, vieles war sehr schön, einiges war schwierig. Zwei bestimmte Themen begleiten mich besonders im Moment: Zum einen ist es das Thema Resilienz und zum anderen das Thema eigene Grenzen wahrnehmen und setzen. Ein kleines Update.

Oft schon konnte ich berichten, wie sich meine Fitness stetig verbessert hat, musste dann aber teilweise wieder zurückrudern. Mittlerweile habe ich aber ein sehr aktives Niveau erreicht und bin so glücklich darüber, dass ich fast täglich bisschen Sport machen kann. Natürlich gibt es immer noch Grenzen, die eingehalten werden müssen, aber richtige „crashes“ gibt es schon lange nicht mehr. Selbst wenn ich mal über meine Grenze gehe, bin ich zwar sehr müde, am nächsten Tag fühle ich mich aber wieder regeneriert. Diese Möglichkeiten ändern meinen Alltag zu Hause enorm, denn ich fühle mich nicht mehr örtlich gebunden. Ein Spaziergang im Wald ist an den meisten Tagen ein willkommener Fixpunkt. Auch das Rennrad habe ich wieder abgestaubt und konnte schon einige kleine Touren damit machen. Die durch Sport ausgelösten Glücksgefühle haben mir sehr gefehlt. Manchmal bekomme ich jetzt dadurch einen derartigen Push, dass ich überlege, die Medikamente zu reduzieren. Das ist aber – wie ich festgestellt habe – leider noch viel zu früh. Dafür brauche ich eine größere Resilienz gegenüber äußeren Einwirkungen und Ereignissen.

Einige sehr schöne Ereignisse waren die Gartenparty anlässlich meines  30. Geburtstages, ein Alumnifest meiner ehemaligen Gesangsklasse und ein Kurzurlaub am Gardasee. Einschränkungen erlebe ich bei diesen Aktivitäten kaum noch, wofür ich sehr dankbar bin.

Innere Widerstandskraft

Ich habe mich nach reiflicher Überlegung und versuchter Vorbereitung bei diversen Dating-Plattformen angemeldet. Ich fühlte mich bereit, war offen für neue Begegnungen, und war neugierig, wie ich mich wohl nach diesen doch gravierenden Veränderungen in meinem Leben in einer Dating-Situation fühlen würde.

Es begann mit einer vielversprechenden Begegnung, die mir Zuversicht gab. Man kann sich denken, dass die Erwartungen aber zu hoch und die Hoffnungen zu groß waren.

Meine immer noch vulnerable Situation macht mich dünnhäutig gegenüber vielen zwischenmenschlichen Reibepunkten, in dieser Situation besonders gegenüber Witzen, die auf meine Kosten gingen. Generell finde ich Witze auf Kosten anderer mit großer Vorsicht zu genießen. Gerade aber in einer Dating-Situation entsteht sofort ein Gefälle, das beide Parteien nicht mehr auf Augenhöhe kommunizieren lässt. Es ist schlichtweg nicht meine Art, den anderen ebenfalls zu erniedrigen, um wieder auf gleichem Niveau zu sein.

Diese Bekanntschaft endete mit einem Streit, ausgelöst durch eine Verteidigung meinerseits.

Mit etwas Distanz zu dieser Begegnung kann ich nun sagen, dass ich froh bin, so schnell das wahre Gesicht des Gegenübers gesehen zu haben. Nichtsdestotrotz war ich sehr enttäuscht. Ich fiel in ein tiefes Tal, das mir dieselben Symptome bescherte wie richtiger Liebeskummer, mit dem Unterschied, dass ich nicht um den Menschen trauerte, sondern um mein errichtetes Luftschloss und mit großer Enttäuschung zu kämpfen hatte. Mir war konstant übel, ich hatte ständig ein komisches Gefühl im Bauch, konnte kaum schlafen und eine Schwere begleitete mich für einige Tage. Der ohnehin geplante Kurzurlaub mit meiner besten Freundin rettete mich etwas aus diesem Tief.

Ich hatte mich in das Dating-Geschehen geworfen, ohne mögliche große Enttäuschungen mit einzukalkulieren, denn ich war unglaublich positiv eingestellt. Ich dachte mir, ich hatte mich ja verändert, also mussten sich auch die Spielregeln geändert haben. Zumindest hoffte ich, endlich und einmal Glück zu haben. Selbstmitleid hilft niemandem und zieht mich definitiv aus keinem Loch. Natürlich hat der Schmerz viel mit meiner Einstellung zu tun, mit der ich in diese Begegnung gegangen bin, trotzdem habe ich das Gefühl, vulnerabler als früher zu sein. Das führt dazu, dass ich meine Grenzen, meine Bereiche und meine sicheren Inseln wie eine Löwin verteidige und sofort in Abwehrhaltung gehe. Meine Toleranzgrenze ist generell sehr niedrig.

Besonders beim Thema Malen, meinem „Safe Space“, bei meiner von Null aufgebauten, haltgebenden Tätigkeit, merke ich eine besondere Abwehrhaltung. Ich möchte meine Bilder verkaufen, mir ein selbstständiges Nebeneinkommen aufbauen und die Arbeit auf ein professionelles Niveau heben. Leider kam ich in verzwickte Situationen, in denen ich zum Beispiel außerhalb meiner festgelegten Preise gebeten wurde Bilder nur zum Materialkostenpreis zu malen. Die Bilder waren für Kinder gedacht, jedoch stehe ich diesen nicht wirklich nahe. Die Unterhaltung über den (Material-)Preis führte ich natürlich mit der Mutter. Ich hasse es, für den Wert meiner Arbeit kämpfen zu müssen und schaffe es meistens nicht sofort, das einzufordern, was ich mir erwarten würde. Das Gefühl, unverschämt zu sein, wenn ich zu meinen Preisen stehe, schleicht sich ein und lässt mich lange hin und her überlegen, wie ich aus dieser Situation wieder rauskomme. Nach langen Überlegungen entschließe ich mich dann doch für meine Arbeit einzustehen, was sehr oft auf Unmut stößt. So auch bei einer Freundin, die mein Atelier und mein Material für ein konkretes Projekt benutzen wollte. Sofern ich keinen Kurs anbiete, empfinde ich dies als Eindringen in meinen Safe Space und als Entprofessionalisierung. Denn es geht darum, jemanden zu ermöglichen, gegen minimalen Kostenaufwand etwas herzustellen, mit dem ich versuche Geld zu verdienen.

Eine sehr enge Freundin arbeitet als Goldschmiedin. Nie wäre es mir in den Sinn gekommen sie zu fragen, ob ich bitte die Werkstatt und ihr Material gegen den bloßen Materialpreis benutzen dürfte, damit ich mir mit ihrer Anleitung ein Schmuckstück selbst schmieden kann.

Aber das ist offensichtlich im künstlerischen Bereich etwas anderes, denn theoretisch kann ja jeder malen.

Auch solche Situationen bescheren mir schlechten Schlaf, Übelkeit und Unwohlsein und ich beginne den Wert meiner Arbeit tatsächlich anzuzweifeln.

Standhaft zu bleiben, mich von meinem Weg nicht abbringen zu lassen und mich nicht verunsichern zu lassen, fällt mir sehr schwer.

Es erschreckt mich, dass mich diese Situationen in emotionale tiefste Tiefen ziehen. Dabei hätte ich gedacht, wieder sicher(er) über Abgründe zu schwimmen.

Bis ich die Rettungsweste der Resilienz anlegen kann, dauert es wohl noch ein bisschen.

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