Zwei Jahre Burnout: Meine Erfahrungen und Lektionen

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Zwei Jahre sind vergangen, seitdem ich am 29. Dezember 2022 völlig erschöpft in den Krankenstand geschlittert bin. Zwei Jahre sind eine lange Zeit. Ich habe mich weiterentwickelt, habe Schritte vorwärts gemacht, aber auch große Rückschritte akzeptieren müssen. Besonders im vergangenen zweiten Jahr war mein Energielevel eine einzige Achterbahnfahrt. So viel ist dieses Jahr passiert und doch bin ich nicht da, wo ich gesundheitlich gerne wäre. 

Ein Blick zurück 

Das zweite Jahr im Burnout war definitiv anders als das erste. Die Amplitude der Hochs und Tiefs war größer als im ersten Jahr. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie viele Crashs ich dieses Jahr hatte, aber es waren definitiv zu viele, und trotzdem habe ich so viele Herausforderungen gemeistert und dadurch einzigartige Erinnerungen geschaffen. Alleine jedoch hätte ich es wahrscheinlich nicht geschafft. Durch die großartige Unterstützung meines Papas, von meiner Familie und von meiner lieben Freundinnen und Freunden konnte ich die ein oder andere Angst überwinden und über mich hinaus wachsen. 

Rückblickend bin ich erstaunt, wie viele Reisen ich dieses Jahr unternommen hatte: Ich war am Gardasee, habe Hochzeit auf einer Alm gefeiert, es waren mehrere Besuche in der großen Stadt, in Wien dabei, ich habe auch hier auf einer Hochzeit getanzt, eine Ausstellung besucht und mir einen Lebenstraum erfüllt: ich habe ein Coldplay Konzert live gesehen und im Stadion die unvergessliche Atmosphäre aufgesaugt. Ja, man kann sich auch im Burnout Träume erfüllen und in Anbetracht der Umstände bin ich umso stolzer, dass ich es geschafft habe – mit ganz viel Unterstützung versteht sich.

Obwohl ich sehr viel Zeit zu Hause verbracht habe, genau wie im ersten Jahr, hat es sich dennoch anders angefüllt. Denn es war weniger ein Warten auf Besserung, sondern mehr ein Balanceakt zwischen Rasten und Leben. Dabei habe ich versucht, mich stets elegant um meine Grenzen zu bewegen – ich gebe zu, die Realität war dann oft weniger elegant. 

Ein Hoch und ein langer Fall nach unten

Im Sommer ging es mir so gut, dass ich glaubte, das Burnout überwunden zu haben. Ich hatte keine Crashs mehr, und meine Grenzen weiteten sich immer mehr aus. Ich konnte Radfahren, 1 Stunde spazieren gehen, mich sehr lange, mit einer Gruppe von Menschen unterhalten und ich konnte einige Stunden Autofahren, ohne müde zu werden. Leider war ich aber zu übermütig, bin in alte Muster gefallen, und habe meinem Körper zu viel zugemutet. Dadurch hat sich mein Zustand wieder verschlechtert und seitdem befinde ich mich in einer kontinuierlichen Abwärtsspirale. Seit Herbst schleppe ich mich von einem Crash zum nächsten. Es geht mir gesundheitlich viel schlechter als vor einem Jahr, und im Moment fällt es mir sehr schwer, meine Grenzen einzuschätzen, und diese nicht ständig zu überschreiten. Ich kann kaum spazieren gehen, mich länger mit Freundinnen und Freunden unterhalten oder Haushaltstätigkeiten erledigen. Die Tatsache, dass es mir im Sommer so gut ging, lässt mich aber hoffen, dass ich diesen Zustand wieder erreichen werde. Ich weiß, dass es möglich ist. Ich muss nur einen Weg finden, mich nicht ständig zu überfordern. Damit wisst ihr jetzt meinen Top Neujahrsvorsatz für 2025. Es klingt so einfach, es ist aber so unglaublich schwer. 

Bilder und Ausstellungen

Objektiv gesehen ist die Gründung eines Unternehmens während eines Burnouts eine Schnapsidee. Subjektiv ist es meine ganz persönliche Therapie. Die Malerei gibt mir so viel Halt und positive Zukunftsperspektiven, wodurch sich der Zustand des Burnout leichter aushalten lässt. Der bisherige Erfolg bestärkt mich in der Entscheidung, diesen Weg zu gehen. Nie hätte ich gedacht innerhalb weniger Monate zwei Solo-Ausstellungen kreieren zu dürfen und an zwei Kunstmärkten viele interessierte Kunden zu erreichen. Ich muss zugeben, dass es mir in manchen Momenten sogar etwas über den Kopf gewachsen ist, vor allem, wenn ich mich in einem Crash befand und ein Berg Arbeit vor mir lag. Ab 1.1.2025 bin ich dann auf mich alleine gestellt und möchte versuchen, von der Malerei zu leben. Ich bin so unglaublich dankbar für diese Entwicklung und die Möglichkeit, in meinem Tempo an etwas zu arbeiten, etwas sinnvolles zu tun, und dabei Geld zu verdienen.

Beziehungen

Auch emotional war es etwas turbulent vor allem im Sommer. In dieser Phase dachte ich, es wäre der richtige Zeitpunkt, um wieder mit dem Dating zu beginnen. Zwei enttäuschende Begegnungen später hatte ich wieder die Nase voll und war emotional erschöpft. Zur selben Zeit beschloss ich, eine Freundschaft zu beenden, die mir schon lange etwas Bauchschmerzen bereitete und mehr Energie zog, als sie gab. Es war keine leichtfertige Entscheidung aber im Nachhinein gesehen die richtige. 

Persönliche Entwicklung

Es war ein Jahr, in dem sich an meiner Grundsituation nichts geändert hat, aber ich bin trotzdem meinen Weg weitergegangen und stehe nicht mehr am selben Platz, wie vor einem Jahr. Ich habe gelernt, geduldiger mit mir selbst und auch mit der Krankheit zu sein. Ich habe gelernt, Hilfe im großen Stil anzunehmen und mit Unterstützung fast alles schaffen zu können. Vor allem aber habe ich gelernt, mir kein Limit mehr zu setzen, bis wann ich endlich wieder gesund sein muss. Klingt logisch, aber innerlich hatte ich zeitlichen Druck und das Gefühl, dass das Leben an mir vorbeizieht. Mittlerweile versuche ich einfach, das Beste aus dieser Zeit herauszuholen und zu akzeptieren, dass diese Phase zu meinem Lebensweg dazugehört.

Danke

Einmal mehr möchte ich allen lieben Menschen danken, die mich durch dieses zweite Jahr getragen haben. Manchmal braucht es einen Tritt in den Hintern, gutes, positives Zureden, Zuhören, gemeinsames Lachen, und herzliche Umarmungen, um unbeschadet aus den Tiefs heraus zu kommen. Danke also an alle meine Freundinnen und Freunde, meine Familie, besonders meinem Papa, der nun einen Job hat, für den er sich nie beworben hat – technische Assistenz im Atelier. 

Neubeginn

Ich starte zwar im Crash ins neue Jahr, aber auch mit positiven Gefühlen. Im Jänner habe ich einige Bestellungen abzuarbeiten, worauf ich mich sehr freue.  Außerdem war ich mutig und habe für Mitte Jänner einen Flug nach Apulien gebucht. Für eine Woche besuche ich mit einem Freund dort seine Familie und werde ganz viel Meerluft einatmen. Ich habe mich auch für einen Kuraufenthalt angemeldet, warte jedoch noch auf Genehmigung. Ich bin so gespannt, wie das Jahr 2025 aussieht, was es für mich bereithält und wie sich mein Gesundheitszustand weiter entwickelt. 

Mein Jahr in Zahlen 

15 Psychotherapiesitzungen, 6 Kurztrips, 1 Website, 1 Unternehmensgründung, 4 Ausstellungen, 19 verkaufte Bilder, 1 Coldplay Konzert, 1 entrümpelter Dachboden, 9 Blogbeiträge, verzweifelte Momente, Crashs, Tage auf der Couch, Zukunftssorgen, Existenzängste, unzählige Glücksmomente, gefühlte 10.000 Minuten an Telefongesprächen, viele Komplimente für meine Kunst, aufbauende Gespräche, 2 tolle Rennradtouren, lange Spaziergänge.

Auf ins dritte Jahr! 

Von den nicht so rosigen Momenten habe ich keine Aufnahmen. Ihr seht hier also eine Auswahl der guten Momente. 🙂

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