April 2023
Es war Mitte April und ich befand mich seit dreieinhalb Monaten im Burnout, als mir langsam die Beschäftigungen zu Hause ausgingen. Noch länger von der Arbeit fern zu bleiben war für mich keine Option mehr, weshalb ich im Mai wieder zu arbeiten beginnen wollte. Mit Betonung auf “wollte”. Ich glaubte, wieder fit genug für den Wiedereinstieg zu sein und vereinbarte deshalb ein Treffen mit meiner Chefin und der Betriebsärztin.
Der Termin fiel in meine PMS-Phase, weshalb ich mich dementsprechend schlecht fühlte. Wie sich das für mich genau anfühlte, kann im Beitrag “Eigene Grenzen spüren & PMS trifft Burnout” nachgelesen werden.
Ich schilderte also meiner Chefin, was ich in diesen schlechten Phasen alles machen könne: Nämlich liegend im Bett arbeiten. Für mich war es in diesem Moment durchaus im Rahmen des Möglichen, denn immerhin hatte ich ja auch gute Phasen, in denen ich zumindest für ein bis zwei Stunden am Schreibtisch sitzen konnte. Meiner Chefin gefiel das – zu Recht – überhaupt nicht, denn ich erfüllte nicht einmal ansatzweise die nötigen Anforderungen für meine Position. Auch die Betriebsärztin war der Meinung, es sei einfach zu früh. Ich hatte also im Grunde meine Belastbarkeit grob überschätzt und in den Monaten zu Hause jegliches Gefühl verloren, was es bedeutete, fit genug zu sein, um arbeiten zu können und allem gewachsen zu sein, was der Festival-Alltag mit sich bringt. Mein Kopf wollte wieder einmal über meinen Körper hinweg entscheiden – was in einem noch größeren Desaster geendet hätte.
In diesem Moment war es für mich sehr schwer zu akzeptieren, dass ich noch länger nicht fit genug sein würde, um zu arbeiten. Ich heulte und schluchzte vor den Augen meiner Chefin und war völlig überfordert, als beide mir klar machten, dass wohl im Herbst ein nächstmöglicher Einstiegszeitpunkt wäre. Die Ärztin erwähnte den Begriff “Burnout” zwar mit Vorsicht, jedoch wehrte ich dies mit meiner Lieblingserklärung “Ich bin ja nicht depressiv, also befinde ich mich nicht in einem Burnout” ab. Die Entscheidung fiel schließlich darauf, den Eingliederungsprozess im September zu starten, was für mich bedeutete, dass ich weitere vier Monate zu Hause sitzen und mir dabei die Aufgaben und Beschäftigungen ausgehen würden. Ich musste mir also etwas überlegen, wie ich meinen Alltag füllen konnte. Die Betriebsärztin meinte, ich solle doch versuchen, etwas zu finden, was meiner eigentlichen Arbeitstätigkeit ähnlich sei, sprich arbeiten „zu üben“. Ihr konkreter Vorschlag war es, für das Vokalensemble, für das ich vorher schon gearbeitet hatte, ein paar Dinge zu erledigen. Diesen Input nahm ich auf, wusste aber nicht so recht, ob das wirklich eine gute Idee war. Immerhin hatte ich ja alle Agenden an jemanden übergeben.
Mit der Enttäuschung in der einen Hand und der Verzweiflung in der anderen, ging ich nach Hause und versuchte, nicht in ein Loch aus Niedergeschlagenheit zu fallen.
Kurze Zeit nach diesem Gespräch erkrankte ich auch noch an Corona und war eine Woche zu Hause isoliert. Ich telefonierte zwar viel, aber der Entzug von menschlichen Begegnungen, besonders in dieser emotional schwierigen Situation, führte dazu, dass ich das erste Mal eine leichte Panikattacke hatte. Ich fühlte mich sehr unwohl in meiner Haut und eine Schwere breitete sich in meinem Gemüt aus.
Der zweite entscheidende Punkt, der zur Akzeptanz meines Burnouts führte, war ein Gespräch mit einem akut Betroffenen. Er schilderte mir seine Symptome, seine Empfindungen und seine Grundgedanken und ich erkannte mich in sehr Vielem wieder. So gut es tat, sich endlich von jemandem verstanden zu fühlen, so erschütternd war die Erkenntnis, die mich schließlich in Tränen ausbrechen ließ. Der Begriff “Burnout” kam nun immer näher und konnte von mir nicht mehr negiert werden. Mein Tagebucheintrag nach diesem Gespräch endete mit dem Satz “Ich brauche Hilfe”.
Ich entschied, eine Psychotherapie zu beginnen und suchte mir eine neue Therapeutin, da ich das Gefühl hatte, jemand unvoreingenommener müsse diese Situation von außen betrachten und meine mir schon jahrelang bekannte Psychologin war dafür – hatte ich das Gefühl – nicht mehr die richtige. Ich hatte unfassbares Glück und fand sehr schnell eine Therapeutin, die super zu mir passte und mit der ich von Beginn an eine sehr gute Gesprächsbasis hatte.
Zusätzlich vereinbarte ich ein Erstgespräch bei fit2work, einer Beratungsstelle bei gesundheitlichen Problemen am Arbeitsplatz. Ich wurde dort von einer Psychologin, über die verschiedenen Möglichkeiten des Wiedereinstieges in den beruflichen Alltag informiert. Vor allem aber war dieses Gespräch der erste Moment, in dem ich mein Burnout als solches bezeichnete und annahm. Diese Psychologin hatte selbst Erfahrungen mit Burnout gemacht und ermöglichte mir weitere Erkenntnisse in Bezug auf den Umfang der Krankheit. Sie riet mir, in eine Burnout-Klinik zu gehen oder eine Kur zu machen. Ich konnte mich mit diesen Vorschlägen aber nie richtig anfreunden, da ich in meinem Haus meine eigene “Musiktherapie” und meine eigene “Kunsttherapie” im Alltag einbaute (wie es in einer Burnout-Klinik, glaube ich, praktiziert wird), mit dem großen Unterschied, keinen Termin dabei zu haben, sondern den Zeitpunkt und Umfang frei entscheiden zu können. Dementsprechend verwarf ich diesen Vorschlag dankend, da ich mich auch durch meine Psychotherapeutin gut betreut fühlte und mir nicht vorstellen konnte, mein Haus für einige Zeit zu verlassen.
Der dritte entscheidende Punkt war, dass ich mich über mögliche Burnout-Symptome informieren wollte, das Internet aber nicht das gewünschte Format ausspuckte und ich schließlich nach Podcasts suchte, die von Burnout handelten. Musalek und Titze, ein zum damaligen Zeitpunkt recht neuer Podcast, bot sich an und brachte mir schnell Aha-Erlebnisse und Einsichten über Burnout-Symptome bzw. Verhaltensmuster. Ich erkannte mich auch hier in sehr Vielem wieder und versuchte, mich mit dieser neuen Einsicht zu arrangieren. Es war denkbar schwer, da ich mich erstmals mit dem Heilungsprozess eines Burnouts auseinandersetzen musste und dabei leider immer noch völlig orientierungslos war. Jeder Burnout-Verlauf und jeder Heilungsprozess sind anders, weswegen jeder sein eigenes Tempo und seine eigene Therapieform finden muss. Mir wurde bewusst, dass ich vor einem langen Weg stand.

Taschentuch-Phase
Während dieser Zeit musste ich ständig weinen und konnte mich großteils nicht beherrschen. Immer, wenn ich über mein Burnout sprach oder darüber, wie es mir ging, musste ich anfangen zu weinen und konnte dabei meist nur schwer weitersprechen. Es ärgerte mich, dass ich es nicht kontrollieren konnte und ich entschuldigte mich stets dafür. Beim Termin mit der Psychologin von fit2work musste ich fast durchgehend heulen. Bis auf die Begrüßung war das restliche Gespräch untermalt von Schneuzen und Schluchzen. Ich brach in Tränen aus, wenn ich den Podcast hörte, manchmal grundlos oder auch, weil sich die Situation im allgemeinen so schwer anfühlte.
Ich beweinte nicht nur die Tatsache, dass ich mich in einem Burnout befand und die damit einhergehende Verzweiflung und Überforderung, sondern auch endlich, was ich bis zu diesem Zeitpunkt alles hatte durchmachen müssen. Ich beweinte den Weg, den ich eingeschlagen hatte, die emotionalen Ausnahmesituationen mit meiner Mama und den gesamten Ballast, den ich über die letzten Jahre hatte ertragen müssen.
Endlich erlaubte ich mir, traurig zu sein und meine Emotionen auszuleben. Ich war an einem von mehreren Tiefpunkten meines Burnouts angelangt.
Diese Phase dauerte zwar nicht lange, war dafür aber umso intensiver und mündete schließlich in eine neue Phase: jene der Panikattacken.


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