Panik im Café am Rande der Welt

6–9 Minuten
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In den 29 Jahren meines bisherigen Lebens musste ich zum Glück noch nie eine Panikattacke erleben – bis zu meinem Burnout. Vorher gab es zwar oft schwierige und depressive Phasen, jedoch war ich stets Herrin meiner Ängste und konnte mich und meine Gefühle kontrollieren.

Im vierten Monat meines Burnouts (April-Mai 2023) veränderte sich mein Leben in eine Richtung, die ich nicht kontrollieren konnte, denn ich hatte zum ersten Mal Panikattacken. Da ich in meinem Burnout meinen körperlichen Bedürfnissen ausgeliefert bin und ich nichts dagegen unternehmen kann, fühlte und fühle ich mich sehr oft gefangen und hilflos. Im Nachhinein sehe ich diese Hilflosigkeit als im Hintergrund arbeitender Mitauslöser der Panikattacken, der mir aber zu Beginn nicht bewusst war.

Die erste Panikattacke schlich sich sehr langsam und fast unbemerkt an. Ich war seit einer Woche aufgrund einer Corona-Erkrankung isoliert zu Hause und wollte mich eines Abends schlafen legen, als mich eine plötzliche Traurigkeit und ein heftiges Unwohlsein überkam. Nicht Wissend woher diese Gefühle auf einmal kamen, versuchte ich meinen Tränenstrom zu unterbrechen und mich zu beruhigen. Ich hatte Mühe, meinen Atem zu kontrollieren, doch es gelang mir schließlich. Zum Glück bekam ich in diesem Moment gut Luft und hatte keine Überlebensängste. Trotzdem war Angst ein zentrales Gefühl während dieser Attacke, ich wusste lediglich nicht wovor. Ich hatte auch das Gefühl, dass die fehlenden sozialen Kontakte und die fehlenden körperlichen Berührungen in dieser Woche zu diesem Unwohlsein geführt haben. Geheuer war mir diese Situation jedenfalls nicht, was mich dazu veranlasste, mir schnellstmöglich eine neue Psychotherapeut:in zu suchen, um zu verstehen, was mit mir passierte. 

In den ersten beiden Sitzungen mit meiner neuen Therapeutin ging es neben dieser unangenehmen Situation des temporären Unwohlseins vor allem um meine berufliche Perspektive. Ich wollte mir darüber klar werden, was ich in den Monaten zu Hause Sinnvolles arbeiten könnte, wie eine Wiedereingliederung in die Arbeitswelt aussehen könnte und wie ich all das angehen sollte. Die Therapeutin gab mir die Aufgabe, Aspekte meines Jobs in einer Pro- und Kontra-Liste zu notieren. Ich hob alles hervor, was mir bis dahin Spaß gemacht hatte, erwähnte aber auch Bereiche, die mich belasteten. Auch davon gab es einige. Fazit aus dieser Aufstellung war, dass ich meinen Beruf, auf den ich jahrelang hingearbeitet hatte und für den ich zahlreiche Ausbildungen und Praxiserfahrungen absolviert hatte, weiterhin ausüben wollte. Mit dieser Gewissheit machte ich mich auf den Weg nach Hause und versuchte, mich in meinem Alltag so gut es ging zu beschäftigen. 

Es vergingen ein paar Tage, in denen es mir nicht gut ging. Meine Stimmung war gedrückt und ich war sehr traurig. Besonders spürte ich diese Traurigkeit am Morgen eines Samstags, es war der 27. Mai. Ich wollte mich am Vormittag mit einer Freundin zum Frühstück treffen und machte mich bereit, mit dem Bus in die Stadt zu fahren. Da an den Wochenenden auf dem Weg dorthin und wieder nach Hause zurück immer sehr viel Verkehr ist, musste ich damit rechnen, mit dem Bus im Stau zu stehen. Diese Vorstellung jagte mir aus unerfindlichen Gründen Angst ein und ich hatte das Bedürfnis zu weinen. Ich wollte unbedingt zu dem Treffen mit meiner Freundin, absagen war keine Option für mich. Ich hatte einen schlechten Tag und meine Hoffnung war, dass ich durch das Frühstück abgelenkt werde. Außerdem war die Freundin, die ich treffen wollte, Psychiaterin und ich vertraute darauf, dass sie mir mit Verständnis und Empathie begegnen würde. 

Als ich die Haustüre sperrte, kämpfte ich mit den Tränen. Als ich im Bus saß, war der Kampf schon ein fast verlorener: Sturzbäche rannen mir die Wangen hinunter, ohne dass ich wusste, warum und was genau mit mir passierte. Ich versteckte mich hinter meiner Sonnenbrille, damit niemand meine verheulten Augen sah. Ich konnte es kaum erwarten, auszusteigen. Sobald ich den ersten Fuß aus dem Bus gesetzt hatte, wurde das Weinen schlimmer und ich hatte mich nicht mehr unter Kontrolle. In meiner Verzweiflung rief ich meine Mama an. Ihre Stimme zu hören ließ mich noch mehr in Tränen ausbrechen und ich fing an zu hyperventilieren. Innerhalb von Sekunden bekam ich sehr schlecht Luft und hatte keine Kontrolle mehr über meinen Körper. Ich war mitten in der Stadt, ging über einen Zebrastreifen und schämte mich, in der Öffentlichkeit zu weinen und so laut atmen zu müssen. 

Meine Mama reagierte in diesem Moment sehr professionell (immerhin war sie früher Notärztin gewesen) und versuchte mich zu beruhigen und zu langsamerem Atmen zu bewegen. Es gelang mir schließlich, mich einigermaßen zu fangen. Auf Anraten meiner Mama besorgte ich mir in der nächsten Apotheke ein pflanzliches Beruhigungsmittel. Ich wusste mir einfach nicht anders zu helfen und fühlte mich ausgeliefert. Wieder versteckte ich mich hinter meiner Sonnenbrille, während ich mich mit der Apothekerin unterhielt. Sie gab mir Passedan® Tropfen, von denen ich sofort ein paar einnahm. Trotzdem fühlte es sich unverändert an, als ob ein kurz vor dem Ausbrechen brodelnder Vulkan in mir wäre. Ich hatte immer noch das Gefühl, jederzeit weinen zu müssen, machte mich nun aber auf den Weg zum vereinbarten Treffpunkt. Bei der Begrüßung ließ ich mir nichts anmerken, doch als wir am Tisch saßen und zu plaudern begannen, brach es plötzlich aus mir hervor und ich konnte die erneut aufkeimende Panikattacke nicht mehr unterdrücken.  Meine Freundin wusste sofort, was los war. Sie reagierte sehr einfühlsam, hielt meine Hand und wartete, bis ich mich langsam beruhigt hatte. Es ging dann auch überraschend schnell besser, sobald ich etwas Druck aus dem brodelnden Vulkan ließ. Wir sprachen anschließend über medikamentöse Hilfe, sie klärte mich dahingehend auf und besorgte mir anschließend in der Apotheke ein Beruhigungsmittel für akute Situationen. Mir war klar, dass ich zu meiner eigentlichen Psychiaterin gehen und mir von ihr ein geeignetes Medikament verschreiben lassen wollte, zumindest hatte ich aber für diesen Moment eine Übergangslösung. Es war für mich keine Option, mit diesen unvorhersehbaren Attacken weiterzuleben.
Ich bin meiner Freundin so dankbar, dass sie in diesem hilflosen Moment so einfühlsam und kompetent reagiert hat. Es hat mir diese schwierige Situation erträglicher gemacht.

Ich hatte keine Erklärung, warum ich diese Panikattacke bekommen hatte und warum ich mich in den nächsten Tagen ebenfalls nicht gut fühlte. Meine berufliche Situation brachte mich aber immer mehr zum Nachdenken, da der Zeitpunkt für den Wiedereinstieg immer näher rückte und sich mein körperlicher Zustand kaum verbesserte. Dieses Thema belastete mich und löste Stress in mir aus, da ich nicht wusste, was ich tun sollte… Was ist, wenn ich den Einstiegszeitpunkt noch weiter verschieben muss? Wann kann ich wieder anfangen zu arbeiten? Wann werde ich wieder fit genug dafür sein? 

Außerdem las ich zu diesem Zeitpunkt das Buch (in Mini-Etappen versteht sich) „Das Café am Rande der Welt” von John Strelecky. Ein Buch über den Sinn des Lebens, das Hamsterrad des Alltags und wie man diesem entfliehen kann. Nicht zum ersten Mal begegnete mir dieses besondere Buch, nicht zum ersten Mal habe ich es gelesen, aber zum ersten Mal löste es bei mir eine heftige Reaktion aus. Manchmal begegnen einem Bücher mehrmals in unterschiedlichen Situationen und Phasen des Lebens und haben dadurch die Fähigkeit, andere Botschaften mit denselben Worten zu vermitteln. Das Buch brachte meine gesettelt geglaubten beruflichen Absichten ins Strudeln. 

Zurück zu meiner Geschichte mit den Panikattacken: 

Meine Long-Distance-Beste-Freundin kam mich kurz nach der beschriebenen Panikattacke für ein paar Tage besuchen und auch sie begegnete mir und meiner neuen Situation mit sehr viel Einfühlungsvermögen und Verständnis, wofür ich sehr dankbar bin, vor allem, weil ich in diesen schweren Tagen nicht alleine sein musste. Während eines Waldspaziergangs kam es wieder zu einer Panikattacke, die zum Glück nicht so heftig ausfiel wie die vorhergehende. Wir sprachen gerade über meine berufliche Zukunft, als ich plötzlich eine enorme Hitze und Energie in meinem Brustkorb empfand und ich das Gefühl hatte, dass es mir die Kehle zuschnürte. Ich brach in Tränen aus, während mich meine Freundin einfach im Arm hielt und wartete, bis ich mich wieder etwas beruhigt hatte. Auch hier: besser konnte man nicht reagieren. Danke! 

Meine Psychologin machte mich darauf aufmerksam, dass meine Panikattacken, die ich zum Glück immer besser kontrollieren konnte, wahrscheinlich in Zusammenhang mit den Gedanken an meinen Job und den Wiedereinstieg auftraten. So schnell wie die Attacken aufgetreten waren, so schnell waren sie wieder verschwunden, als ich eine Entscheidung getroffen und eine medikamentöse Therapie begonnen hatte – zumindest die erste Episode davon war geschafft. Fortsetzung folgt…

2 Antworten zu „Panik im Café am Rande der Welt”.

  1. Avatar von
    Anonymous

    liebe esther,
    wie couragiert du umgehst mit panikattacken-diese so darzustellen ist für mich so eindrucksvoll+ich vermute,für leidende auch ermutigend+hilfreich!
    ich umarme dich ; mitfühlend
    christine

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    1. Avatar von brennbar
      brennbar

      Liebe Christine, vielen Dank für deine lieben Worte! Ja, ich hoffe wirklich auch anderen ein bisschen Mut geben zu können. 🙂 Umarmung zurück!
      Alles Liebe, Esther

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