Anfang Juni 2023 beherrschten Panikattacken meinen Alltag, weshalb ich gemeinsam mit meiner Psychiaterin beschloss, eine medikamentöse Therapie mit Antidepressiva zu starten.
Ich wurde bereits vorgewarnt, dass Antidepressiva eine antriebssteigernde Wirkung haben können, vor allem anfangs. Doch ich wusste nicht, was ich mir darunter vorstellen sollte. Ich erwartete, wieder auf einen Berg springen zu können und allgemein mehr Energie zu haben. Diese Vorstellung und Interpretation stellten sich leider als völlig falsch heraus. Ich nahm vor allem eine Aktivitätssteigerung meines Gehirns wahr; Gedanken flogen in Hochgeschwindigkeitstempo durch meinen Kopf und konnten nicht willentlich von mir gestoppt werden. Ich hatte allerdings nicht das Gefühl, dadurch intelligenter zu sein oder schneller komplizierte Denkvorgänge zu Ende führen zu können. Das Gegenteil war der Fall: Konzentrationsstörungen kehrten wieder intensiv zurück, sodass ich beispielsweise mehrere Anläufe brauchte, um mir ein Frühstück zuzubereiten. Ich konnte kaum Lesen oder Dinge am Computer erledigen, da ich geistig so erschöpft war.
Gleichzeitig äußerte sich die Aktivitätssteigerung aber auch in enormer innerer Unruhe. Ich hatte ganztägig schwitzende Hände und Füße (das kenne ich normalerweise nicht von mir), war nervös und konnte mich kaum entspannen. Das einzige, was mir wirklich half, ein wenig innere Ruhe zu finden, waren meine zur Routine gewordenen täglichen Waldspaziergänge.
Die Ruhe und die erholsame Umgebung des Waldes ließen mich zumindest für einen Moment meinen Zustand vergessen. Oft saß ich minutenlang auf dem weichen Waldboden, meditierte und konzentrierte mich nur auf meinen Atem und den Vogelgesang. Es war mein einziger Zufluchtsort, um einem ununterbrochenen Unwohlsein für kurze Zeit entfliehen zu können.
Ungefähr eine Woche nach Beginn der Einnahme wurden die Nebenwirkungen wesentlich besser, allerdings konnte ich auch nach zwei Wochen noch nicht ohne Hilfe ein- oder durchschlafen und meine Füße schwitzten noch recht oft. Sechs Wochen nach dem Therapiestart stabilisierten sich die Konzentrationsstörungen. Eine Veränderung, die sich langsam zeigte und von mir kaum bemerkt wurde, war die Minimierung von ängstlichen und negativen Gedanken in Bezug auf mein Burnout, meine Zukunft oder finanzielle Hürden. Die Medikamente wirkten folglich und es ging mir nach dieser anfangs schwierigen Phase doch wesentlich besser als zuvor. Das Schöne war, dass ich zu diesem Zeitpunkt trotz allem sehr glücklich, zufrieden und einfach „gut drauf“ war.
Leider war Schlafen aber mit der Zeit nicht mehr gut möglich, da mein Gehirn ununterbrochen auf Hochtouren lief. Ich schlief nur sehr leicht, wachte mitten in der Nacht auf und konnte nicht mehr einschlafen. Diese Situation belastete mich so sehr, dass ich die Dosis der Schlafmedikamente in Absprache mit meiner Psychiaterin erhöhte. Doch auch dies ermöglichte mir keinen erholsamen Schlaf. Die zweite Option war, dass ich die Dosierung der Antidepressiva verringerte, was ich schlussendlich auch tat. Es dauerte einige Wochen, bis sich meine Schlafqualität besserte, jedoch wurde ich auch immer depressiver und bekam schließlich wieder Panikattacken. Es musste also eine Alternative her. Ich versuchte mein Glück mit einem Ergänzungspräparat zu meinen bestehenden Antidepressiva. Ungefähr zwei Wochen nach Start dieses zusätzlichen Präparates hatte ich einen Termin bei meiner Psychiaterin und ich musste ihr gestehen, dass auch diese Variante keine gute Lösung für mich sei, da ich nach wie vor Panikattacken hatte und einige unangenehme Nebenwirkungen. Schlafen konnte ich inzwischen einwandfrei, immer noch mit Schlafmedikamenten versteht sich. Allerdings wollte ich nicht mit Panikattacken leben müssen. Wir beschlossen, das ursprüngliche Medikament wieder zu erhöhen und mit einem anderen Schlafmedikament zu kombinieren.
Mit dem neuen Medikationsplan, sprich mit der Erhöhung der Medikamente, ging der Spaß mit den Nebenwirkungen wieder von vorne los: Schwitzende Hände und Füße, massive Unruhe und, was sich dieses Mal mehr als beim ersten Mal zeigte, eine Intensivierung der Depression, wie ich es noch nie erlebt hatte. Es reichte nicht mehr, mir selbst gut zuzureden und zu versuchen positiv zu denken. Nein, dieses Mal durfte ich erfahren, wie sich eine Depression äußert. Ich fühlte mich ferngesteuert, hilflos und hatte kaum Energie. Außerdem hatte ich das Gefühl, dass ständig ein schweres Gewicht auf meinem Brustkorb lag, wodurch ich nicht frei atmen konnte.
Zum Glück fuhr ich einige Tage nach diesem Tiefpunkt mit einer Freundin übers Wochenende zum Gardasee. Es war eine willkommene “Pause” meines Alltags, die mich meine Symptome und meine täglichen Kämpfe kurz vergessen ließ.
Die Nebenwirkungen sind mittlerweile schon wieder schwächer geworden, allerdings fühle ich mich immer noch depressiv und meine Stimmung ist gedrückt. Ich hoffe sehr, dass sich dies noch regulieren wird, sodass ich mich bald wieder halbwegs “normal” fühlen darf und dass sich die Schwere in meinem Leben in Leichtigkeit verwandelt.
Es gibt viele Wege zu einer Genesung, die jeder für sich selbst finden muss. Ich habe mich das erste Mal in meinem Leben bewusst für den Weg der Medikation entschieden und bereue es nicht. Ich glaube, dass mir mein Alltag langfristig erleichtert wird und die Möglichkeit gibt, mich positiv zu entwickeln. Das konnte ich beim ersten Versuch schon feststellen. Vor Beginn der Einnahme wurde ich gewarnt, dass es wohl ein wenig dauern würde, bis man die passende Dosierung und das geeignete Medikament gefunden hat. Deshalb versuche ich, mich in Geduld zu üben und hoffe auf Besserung.
Zu einem späteren Zeitpunkt gebe ich hier wieder ein Update über dieses Thema und meine Entwicklung damit. Die Medikation wird mich sicherlich noch einige Zeit begleiten.


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