Vor genau 368 Tagen begann mein Krankenstand, nicht wissend, welcher Genesungsprozess mir noch bevorstünde. Viel hat sich seitdem verändert, vieles ist geblieben, wie es war, einiges hat sich in ungeahnte Richtungen entwickelt, Freundschaften kamen, blieben und gingen. Obwohl ich so viel zu Hause war, wie noch nie in meinem Leben, war es dennoch kein “stillstehendes” Jahr. Ich habe mich entwickelt und verändert, habe stundenlange Reflexionsprozesse hinter mir, in denen ich mein gesamtes Leben hinterfragt habe, und dennoch bin ich im Herzen dieselbe geblieben.
Die Wiederholung der (Feier-)Tage, an denen es mir letztes Jahr so schlecht ging, lösten dieses Jahr ein mulmiges Gefühl aus. Ich ertappte mich dabei, meine heutige Situation mit der damaligen zu vergleichen und mir einzureden “im Grunde bin ich keinen Schritt weiter”. Doch! … Aber es sind kleine Schritte, die womöglich nicht sofort sichtbar sind.
Ein Blick zurück
In den ersten paar Monaten veränderte sich kaum etwas in meinem Leben oder an meinem Gesundheitszustand. Unzählige Male krachte ich (metaphorisch) beim Versuch, mich aufzurichten, wieder mit voller Wucht auf den Boden. Mein Körper war lange nicht bereit aufzustehen und wieder zu funktionieren. Anfangs lag ich Monate hauptsächlich im Bett, war höchstgradig reizüberflutet und erschöpft.
Erst nach ungefähr einem halben Jahr lernte ich meine Grenzen nicht nur wahrzunehmen, sondern auch zu respektieren und zu kommunizieren. Dies ist wohl die größte Persönlichkeitsentwicklung, die ich in dieser Zeit durchleben durfte. Diese Fähigkeit führte gemeinsam mit Reflexion – über so ziemlich alles in meinem Leben – zu großen lebensverändernden Entscheidungen. Der Entschluss zur Kündigung meines Jobs war der Startschuss für kreative Gedankengänge, neue Vorhaben und große Unsicherheit. Niemals hätte ich gedacht, an einem Punkt zu stehen, wo unendlich viele Wege abzweigen, meine Vergangenheit nicht wichtig für meine Zukunft ist, sondern ihre Rolle darin besteht, ausschließlich von ihr zu lernen.
Was habe ich also in diesem Jahr gelernt?
Zu meiner eben erwähnten Errungenschaft, meine Grenzen zu respektieren, gehört auch das Nein-Sagen. Nein zu Freundschaften, die mir nicht gut tun, nein zu einem Telefonat, das mir gerade nicht passt, nein dazu ein Ventil für die schlechte Laune anderer zu sein, und nein zu allem, was nicht förderlich für meine mentale und physische Gesundheit ist.
Ich habe gelernt, wer meine wirklichen Freund:innen sind, für mich einzustehen, und mich gut um mich selbst zu kümmern. Ich habe gelernt, meine Gefühle zu kommunizieren, wie sich Panikattacken anfühlen und ich habe gelernt, wie es ist, im Burnout zu sein.
Obwohl es immer noch schwierige Momente und Phasen gibt, bin ich so dankbar, dass mein Leben eine derartige Wendung erfahren durfte.
Mit zwei Vollzeit arbeitenden Elternteilen wurde mir vorgelebt, dass man hart arbeiten muss, um zu überleben, und dass das Leben an sich hart ist. Meine Mama arbeitete sich krank und ich dachte schon als Kind, dass dieser Workload normal sei. Also scheute ich keine Anstrengung und leistete und leistete und leistete. Eigentlich wusste ich, dass ich so nicht bis zu meiner Pensionierung weitermachen konnte, doch ich sah keine Alternative und keinen Ausweg aus dieser Situation. Der Ausweg ist nun mein Burnout.
Es fühlt sich für mich an wie eine zweite Geburt und eine unglaubliche Chance, mein Leben anders und lebenswert gestalten zu können.
Außerdem brachte mir dieses Jahr die Gelegenheit, mich meinem Papa wieder anzunähern. Nach über zehn Jahren sporadischem Kontakt (durch die unschöne Trennung meiner Eltern), hat sich unsere Beziehung wieder intensiviert. Er war für mich da, als ich ihn am nötigsten brauchte und brachte mir Verständnis und Empathie entgegen. Es ist so schön, einen Papa und somit Familie in unmittelbarer Nähe zu haben.
Ich bin so dankbar für all meine großartigen Freund:innen, die für mich da waren, als es mir wirklich schlecht ging, die es ehrlich interessiert, wie es mir geht und die mich in allem unterstützen, sei es noch so verrückt.
Diese Lebensphase hat aber gezeigt, dass sich in schwierigen Zeiten Freundschaften entscheiden: Entweder sie intensivieren sich, was glücklicherweise zum Großteil zutraf, oder sie verlieren sich. Diese Verluste schmerzen sehr.
Mir wurde aber auch bewusst, auf wie viele Personen ich mich verlassen kann, wenn es darauf ankommt und wie viele Freund:innen für mich da waren. Dankbarkeit überwiegt also in jedem Fall und stellt die Verluste etwas in den Hintergrund.

368 Tage, 19 Therapiesitzungen, 1 Kündigung, 27 Blogbeiträge, 45 gemalte Bilder, dutzende Tränenausbrüche, einige Panikattacken, aber auch unzählige schöne Momente mit Freund:innen und Familie später, sitze ich in meiner Villa Kunterbunt und stelle fest, dass ich nicht nur einen Schritt weiter gekommen bin. Ich habe mich verändert, mein Umfeld und mein Zuhause haben sich verändert sowie meine körperlichen und psychischen Symptome. Es geht mir viel besser als letztes Jahr und ich sehe die verbrachte Zeit zu Hause als Geschenk, als Reise zu mir selbst und zu meiner Berufung, die ich hoffentlich zukünftig finden werde. Vorerst begleiten mich das Malen und der Blog gemeinsam mit sehr vielen lieben Menschen auf dem Weg dorthin und durch mein Burnout im zweiten Jahr.
Frohes und glückliches Neues Jahr!
Eure Esther


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