Stand: Seit 13 Monaten im Burnout
Die Reflexion über das vergangene Jahr hat mir meinen aktuellen Standpunkt auf der Genesungsreise gezeigt. Vieles hat sich weiterentwickelt und verbessert, vor allem in den letzten zwei bis drei Monaten. Dieser Sprung in das neue “Level” meiner Genesung bringt gleichzeitig aber auch neue Herausforderungen mit sich, denn ich muss erst lernen, wo die Grenzen dieser neuen Stufe sind.
Was hat sich also verbessert?
Generell meine körperliche Fitness und Belastbarkeit! Ich kann nun mehrere Haushaltstätigkeiten wie Staubsaugen und Wischen (an guten Tagen) gleich hintereinander erledigen. Ein Spaziergang und zusätzlich andere Aktivitäten, wie Malen, Kochen etc. sind an einem Nachmittag möglich. Dieser Genesungsschritt gibt mir ein großes Stück Freiheit und Freude an der Lebensgestaltung zurück.
Konzentrationsstörungen sind wesentlich weniger geworden, was bedeutet, dass zum Beispiel die Frühstückszubereitung nun wieder mit nur einem Anlauf möglich ist. Außerdem kann ich längere Strecken mit dem Auto fahren und auch lange Gespräche mit Freund:innen führen, ohne mich nachher ausruhen zu müssen. Meine Resilienz gegenüber Sinnesreizen (vor allem Geräuschen) hat sich etwas verbessert, wobei die Reizüberflutung immer noch ein zentrales Thema in meinem Alltag darstellt.
Auch das komische, bedeckte Gefühl in meinem Kopf, das jeden Gedanken zu einer Anstrengung werden ließ, ist verschwunden. Es gibt jedoch noch schlechte Tage, an denen ich mich am liebsten nach dem Frühstück wieder ins Bett legen möchte, vor allem in der PMS-Phase. Zum Glück überwiegen dennoch die guten Tage.
Das neue Level meiner Genesung bringt auch die ein oder andere Herausforderung mit sich. Neue Belastungsgrenzen müssen erst wieder ausgelotet und Aktivitätskombinationen ausprobiert werden. Mein Kopf will dabei – wie immer – viel zu viel und verwechselte anfangs den nächsten Schritt mit dem letzten, jener, der finalen Genesung. Dementsprechend landete ich nach einigen Grenzüberschreitungen (und PMS) wieder für einige Tage auf der Couch:
In Freude darüber, dass ich mich wieder gemäßigt sportlich betätigen kann, beließ ich es beim ersten Mal nicht bei einer Langlaufeinheit, sondern musste am nächsten Tag noch eine zweite einlegen. Es ist schon eine enorme Errungenschaft, wenn ich mich 30 Minuten am Tag sportlich betätigen kann und die abnormal starke Müdigkeit im Laufe des Tages wieder etwas besser wird, aber die Belastung an zwei Tagen hintereinander verkraftete mein Körper doch noch nicht… Der Sport-Serotonin-Rausch, der mir so lange gefehlt hatte, ließ mich übermütig werden.
Es ist also immer noch ein ständiges Ringen um die Bedürfnisse meines Körpers und die Bedürfnisse meines Kopfes, allerdings mit dem Unterschied, dass es in diesem Level nun neue Regeln gibt, die ich selbst noch nicht kenne.
Je besser es mir geht, desto mehr rückt die Frage nach der beruflichen Zukunft näher und Stress und ein schlechtes Gewissen melden sich. “Ich sollte doch…”, “Ich könnte doch eigentlich wieder…” und “Ist mein Krankenstand überhaupt noch gerechtfertigt?”, sind Gedanken, die mich zur Zeit beschäftigen. Jobideen oder auch gut gemeinte Jobangebote lösen leichte Panik aus und befeuern diese Gedanken leider weiter. Ich habe immer noch das Gefühl, mich nicht nur vor mir selbst, sondern auch vor allen Menschen in meinem Umfeld rechtfertigen zu müssen, warum ich noch nicht arbeiten kann, und warum mein Krankenstand noch notwendig ist. Es ist sehr anstrengend ständig diese Diskussionen zu führen, vor allem wenn diese nur mit mir selbst und in meinem Kopf stattfinden. Während ich diese Zeilen schreibe, spüre ich aber bereits eine Erleichterung. Weil ich mich ausdrücken konnte, weil ich mir selbst eine strukturelle Vorlage gebastelt habe, an der ich festhalten kann, sollte ich wieder an mir oder meinen aktuellen Möglichkeiten zweifeln.
Die Momente, in denen ich mir wünsche, eine beständige Aufgabe zu haben, die meinen Tag sinnvoll und ganz selbstverständlich füllt und die an sich einen tieferen Sinn hat, werden häufiger. Auch wenn mir nie wirklich langweilig wird, beschäftige ich mich momentan lediglich mit Tätigkeiten, die mir dabei helfen, die Zeit bis zu meiner Arbeitsfähigkeit irgendwie zu füllen. Das positive Gefühl produktiv gewesen zu sein hält sich dabei in Grenzen.
Dieses Bedürfnis nach einer Aufgabe impliziert aber nicht, dass ich dieser auch täglich konsequent nachgehen könnte, da es – wie schon erwähnt – immer wieder schlechte Tage gibt. Ich komme also zu dem Schluss, dass ich noch nicht bereit für die (Arbeits-) Welt “da draußen” bin und dass ich noch Zeit brauche.
Insofern relativiert sich mein Wunsch nach Arbeit wieder für diesen Moment und es bleibt das Warten auf das nächste Genesungslevel.


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