Ein erfüllter Lebenstraum: Coldplay

6–10 Minuten
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Ein lang ersehnter und sehr großer Lebenstraum hat sich erfüllt.

Ich kann es immer noch kaum glauben, dass ich es nach den schwierigen vergangenen Tagen bis zum Konzert geschafft habe. Bis zur allerletzten Minute blieb es spannend, ob ich hingehen konnte. Lasst mich euch von diesem Großprojekt erzählen…

Wie schon im letzten Beitrag erwähnt, befand ich mich kurz vor meiner Wien-Reise in einem schwierigen Zustand. Ich hatte nicht nur körperlich ein absolutes Tief, sondern auch mental eine richtig schwierige Episode. Mein Körper war so geschwächt, dass ich mir nicht vorstellen konnte es bis nach Wien, geschweige denn zum Konzert zu schaffen. Es bedurfte einiges an gutem Zureden und Ausarbeitung diverser möglicher Strategien. Als die Entscheidung feststand, dass ich es versuche, ging ich 100-Mal die zurückzulegenden Wege durch, überlegte mir, mit welchen Transportmitteln ich wohl am meisten Energie sparen würde auf dem Weg zur Wohnung und auf dem Weg zum Konzert. Doch ich konnte nicht voraussehen wie ich mich dabei fühlen würde und wie viel Energie mir im Endeffekt zur Verfügung stehen würde. Dieses Nicht-Wissen und die Ohnmacht akut irgendetwas gegen meinen Zustand ausrichten zu können, machte mich unglaublich nervös und teilweise auch panisch.

Ich war so froh, dass mein Papa sich dazu bereiterklärt hatte mich nach Wien zu begleiten, damit ich auf der Fahrt dorthin nicht auf mich alleine gestellt war. Vor allem konnte ich moralische Unterstützung ziemlich gut gebrauchen. Sobald ich im Zug saß, ließ meine Nervosität nach, da ich die erste Hürde gemeistert hatte. Die mehrstündige Fahrt verbrachte ich damit mich von allen Reizen – mit Schlafmaske, Ohrstöpsel und zusätzlichen Kopfhörern – so  gut es ging abzuschirmen, um für die nächste Etappe möglichst viele Kräfte zu sparen.

Der Weg vom Hauptbahnhof zur Unterkunft fühlte sich grenzwertig lange an und konsumierte einiges an Energie. Ich durfte gemeinsam mit meiner ehemaligen Mitbewohnerin aus Rom, die extra aus Italien angereist war, netterweise in der Wohnung einer Freundin von mir wohnen. In dieser wunderschönen Wohnung fühlten wir uns beide von Anhieb an sehr wohl, was einen wichtigen Grundstein für das bevorstehende Projekt legte. Dafür bin ich ihr unglaublich dankbar! An diesem Abend war dann recht bald meine gesamte Energie ausgesogen und ich begab mich erschöpft ins Bett. Die Nervosität und Panik stieg von da an wieder in mir auf. „Was ist, wenn es mir abends so schlecht geht, dass ich kaum sitzen oder stehen kann? Was ist, wenn ich es wirklich nicht schaffe hinzugehen? Werde ich nach der Anreise zum Stadion schon alle meine Kräfte verbraucht haben? Werden mich die Lautstärke und die vielen Lichtblitze überfordern, sodass sich mein Körper wieder gegen alle Reize mit Übelkeit wehrt? (Siehe Beitrag „Die letzten Meter bis zum Burnout“)

Der nächste Tag war der absolute Horror. Meine Freundin machte einen Stadtrundgang und ich war somit den Großteil des Tages alleine in der Wohnung. Darüber war ich eigentlich sehr froh, allerdings war ich dadurch mit meiner Panik und Nervosität alleine. Ich wollte mich nicht mit Netflix, Lesen oder sonst einer Aktivität ablenken, da ich die Erfahrung gemacht hatte, dass alles, wirklich alles Energie frisst, die ich für abends notwendig brauchen würde. Das war aber trotzdem keine gute Idee mich nicht von meinen Ängsten abzulenken.

Am späten Nachmittag kam dann Carlotta von ihrem Rundgang zurück und lenkte mich ein wenig ab, das war angenehm und es ging mir ein bisschen besser. … bis ich duschen ging. Danach passierte das, wovor ich mich so gefürchtet hatte. Ich wurde richtig schwach, musste mich ins Bett legen und konnte mich kaum bewegen. Jegliche Energie war aus meinem Körper gewichen. Jetzt bekam ich richtig Angst.

Ich konnte kaum sitzen, weil ich keine Kraft dazu hatte und mir sofort übel wurde. Als mein Papa uns dann Pizzen brachte, musste ich mich zwingen zumindest die Hälfte zu essen. Das war dann auch der Punkt, an dem meine Verzweiflung und Panik ihren Höhepunkt erreichten. Carlotta und Papa konnten zuerst nicht verstehen was mit mir los war und meinten, ich solle positiv denken, ich wäre nur aufgeregt, es spiele sich alles in meinem Kopf ab. Als ich protestierte und sagte, dass mein Körper einfach gerade keine Kraft mehr hatte – dabei tat ich mir sichtbar schwer zu sitzen – geriet ich mit den beiden ein wenig aneinander. Selten hab ich mich so hilflos und unverstanden gefühlt. Papa kennt mich ja in diesem Zustand doch schon länger und hat mich dann nach nochmaligem Erklären gehalten, während bei mir die Tränen flossen. Ich war so froh, dass er da war. Gleichzeitig habe ich mich aber so geschämt, dass ich mit 30 Jahren auf ein Konzert gehen möchte und heulend in seinen Armen liege, weil mir diese Aufgabe zu groß erscheint. Im Gegenzug zu sehr vielen schwierigen und herausfordernden Dingen, sei es Reisen, Aufgabenstellungen im Job oder Notfall-Situationen mit meiner Mama, wäre ein Konzertbesuch, der nebenbei auch noch ein Lebenstraum ist, eigentlich eine nicht existierende Herausforderung. Auch Menschenmassen an sich hatten mir früher nichts ausgemacht. Ich war so wütend auf mein Burnout, diese schei* Krankheit, die mein Leben dermaßen beeinträchtigt und beeinflusst, dass ich kaum selbst noch weiß, was ich schaffen kann, was nicht und wer ich überhaupt noch bin. Bin ich noch mutig? Oder eher feige? Einfach schwach?

Die gute Nachricht: Die Pizza hat mir so viel Energie gegeben, dass es mir nach circa 20 Minuten wieder viel besser ging. Davon war ich selbst überrascht, denn normalerweise ist bei einem Schwächeanfall Ruhe und Liegen angesagt, da hilft für gewöhnlich keine Mahlzeit. Umso besser! Aber auch umso schwieriger diesen plötzlichen Zustandswechsel vor allem Carlotta zu erklären. Es wurde mir mal wieder bewusst, wie schwierig es sein muss diese Krankheit zu verstehen und wie schwierig es als Betroffene ist in allen Symptomen ernst genommen zu werden. Eingebildet habe ich mir meinen Zustand definitiv nicht, weder dass es mir so schlecht ging, noch dass es mir besser ging.

Damit war der schwierigste Teil dieses Projektes überstanden. Wir fuhren knapp vor Konzertstart mit dem Taxi zum Stadion, mussten kaum anstehen und fanden sofort unsere sehr gut gelegenen Plätze. Dort traf ich auch noch eine andere Freundin, die die anderen beiden von mir erstandenen Karten übernommen hatte, der erste Glücksmoment. Als ich auf meinem Platz saß und in die Menge blickte war ich absolut überwältigt, davon dass ich es bis hierher geschafft hatte, dass sich in Kürze dieser Traum erfüllen würde und dass es mir im Moment gut ging. Der zweite Glücksmoment und einer von vielen folgenden.

Und dann kamen sie… und es ging los. Ohrstöpsel rein (vorsorglich gegen die Lautstärke) und volle Konzentration auf alles was auf der Bühne passiert.

Es war ein unbeschreibliches Gefühl mit 50.000 Menschen dieselbe Begeisterung zu leben, gemeinsam meine Lieblingssongs zu singen und zu jubeln.

Natürlich beschäftigte mich mein Energielevel weiterhin im Hintergrund, und ich versuchte viel zu sitzen, auch wenn mich viele Songs nicht auf dem Sessel ließen. Dadurch war ich weniger emotional als ich mir das bei diesem Konzert immer ausgemalt hatte. Aber es war ok. Gänsehautmomente waren definitiv einige dabei. Zwischendrin versuchte ich mittels Müsliriegel und Banane mein Energielevel aufrechtzuerhalten. Die Musik gab mir aber selbst unbeschreiblich viel Energie, Zuversicht und dass ich es dorthin geschafft hatte, gab mir für meine weiterhin bevorstehende Genesungsreise Hoffnung. Man sieht, dass derartig positive Erlebnisse natürlich auch positive Effekte auf meinen Zustand haben. Zugegeben: Das unterschätze ich viel zu oft. Was habe ich aber mit mir gekämpft, um es dorthin zu schaffen!!

… und nach 2 Stunden war der Zauber vorbei.

Den Nachhauseweg traten wir sogar mit der U-Bahn an, da ich mich erstaunlicherweise dazu in der Lage fühlte. Nochmal schwerer zu verstehen, warum es mir vor ein paar Stunden so schlecht ging und jetzt plötzlich wieder besser… Carlotta gab mir dann gut gemeinte Ratschläge, die ich leider nur sehr schwer annehmen konnte. Ich finde es immer schwierig, wenn jemand behauptet er/sie wüsste genau wie es mir geht, ohne jemals eine ähnliche Krankheit erlebt zu haben, ohne richtig zuzuhören, sondern sich das Bild dieser Krankheit selbst zusammenzureimen. Der Umgang mit diesem Zustand ist aber für beide Parteien schwierig. Schwierig zu verstehen zum einen, aber auch schwierig zu erklären zum anderen. Ich bin niemandem böse, wenn er/sie nicht versteht. Mit meiner daraus resultierenden Verzweiflung muss ich selbst lernen umzugehen. Ich freue mich aber immer darüber, wenn es jemand versucht.

Mittlerweile bin ich wieder gut und glücklich zu Hause angekommen, sogar ohne „crash“. Ein kleiner negativer Beigeschmack ergibt sich leider durch einen Fehler meinerseits. In meinem Eifer die Wohnung meiner Freundin perfekt, aufgeräumt und geputzt zu hinterlassen und ja nichts zu vergessen, habe ich dabei die wichtigste Sache vergessen… Es tut mir so leid, es ist mir echt peinlich und ich schäme mich, weil es für mich ganz besonders wichtig war, mit allem verantwortungsvoll umzugehen. Ich hoffe, wir können irgendwann darüber schmunzeln…

Es war ein enormer Kraftaufwand, emotional und auch körperlich, aber es hat sich gelohnt. Ich habe es geschafft und mir diesen Lebenstraum erfüllt.

Dieses Erlebnis wird noch sehr lange in mir nachschwingen und mir in dem einen oder anderen schwierigen Moment Kraft geben.

Danke an dieser Stelle an alle, die an mich gedacht haben, fürs Mitfiebern und für jede einzelne Nachricht. Es hat mich definitiv bestärkt.

2 Antworten zu „Ein erfüllter Lebenstraum: Coldplay”.

  1. Avatar von
    Anonymous

    wie wunderbar+wie schoen du die magie der musik fuehlbar+sichtbar fuer alle gemacht hast!

    wunderbarer beitrag, liebe esther-habe ihn mehrmals gelesen+bin sehr beruehrt!

    weiterhin alles liebe

    mitfuehlend, hoffend

    christine

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    1. Avatar von brennbar
      brennbar

      Liebe Christine, wie immer freue ich mich sehr über deine lieben Worte und dass du so treu mitliest! 🙂 Vielen Dank!
      Dir auch alles Liebe,
      Esther

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6–10 Minuten

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