In diesem sehr persönlichen Beitrag geht es weniger darum, wie es mir im Moment gesundheitlich geht, sondern mehr um Dinge, die mich zurzeit beschäftigen.
Wenn ich auf die vergangenen Monate zurückblicke, wird mir bewusst, welchen Weg ich hinter mich gebracht habe und welche Fortschritte meiner Fitness ich verzeichnen darf. Wenn ich auf die noch bevorstehende Zeit blicke, die ich noch benötige, um wieder mit beiden Beinen und genesen im Leben zu stehen, muss ich die aufkeimende Ungeduld mit aller Kraft zähmen. Und dann gibt es noch diesen Moment, das Jetzt, das für mich ein Warten ist – Warten auf Besserung, weniger Symptome, und dass sich Ausdauer und Kraft zurückmelden und ich wieder zu leben beginnen kann. Daraus ergibt sich leider auch der Trugschluss, der mir momentan zu schaffen macht: Warten, um leben zu können.
Ich ertappe mich immer wieder, wie ich mich in Zukunftsgedanken, in Was-ist-wenn- und in Wann-wird-endlich-wieder-Gedanken verliere. Dabei ist meine unmittelbare, aber auch mittelfristige Zukunft seit geraumer Zeit schwer planbar. Diese Tatsache macht mir momentan schwer zu schaffen. Zu lange verweile ich nun schon in einem Zustand des Ausharrens, Wartens und Hoffens. Um genau zu sein: Es werden in diesem Monat zweieinhalb Jahre.
Zunächst eineinhalb Jahre Burnout, dann kam die große Besserung im Sommer 2024 und eine annähernde Normalität, bis durch Überforderung – sowohl psychisch als auch physisch – Long Covid ausbrach. Diese beiden Krankheitsbilder sind sich in ihrer Symptomatik sehr ähnlich – Erschöpfung, Crashs, Konzentrationsschwierigkeiten, hoher Puls – und doch sind die Perspektiven andere. In beiden Fällen kann man nicht sagen, wie lange die Krankheit dauert, wenngleich man im Long-Covid-Fall durch medikamentöse Therapien Besserung erzielen kann, im Burnout-Fall jedoch nicht. Trotz dieser Möglichkeit birgt die Long-Covid-Perspektive eine andere Schwere, da mir niemand garantieren kann, davon vollständig zu genesen – denn die Therapiemöglichkeiten sind schlichtweg begrenzt. Diese Unsicherheit, deren Gewicht sich manchmal wie ein schwerer Vorhang über mein Gemüt legt, trage ich seit der Diagnosestellung durch jeden Tag. Dieser Vorhang wird jedoch leichter mit jedem guten Tag und mit jeder zurückgewonnenen Aktivitätsmöglichkeit.
Schlechtes Gewissen
Täglich begleiten mich auch Gedanken an ebenfalls Betroffene, die einen schwereren Verlauf der Krankheit zu verzeichnen haben, die kein soziales Umfeld haben, auf das sie sich stützen können, und die keine finanziellen Ressourcen haben, um sich Therapien leisten zu können. Manchmal keimt diesbezüglich ein gleichzeitig schlechtes Gewissen auf – darüber, so privilegiert zu sein, und über die Erleichterung, mich von diesen Schicksalen abheben zu können. Privilegiert zu sein heißt in diesem Fall auch, einen nicht allzu schweren Verlauf der Krankheit erwischt zu haben bzw. auch kein ME/CFS entwickelt zu haben – auch wenn es zwischenzeitlich ganz anders aussah. Manchmal möchte ich mich auch gar nicht (mehr) zu der Gruppe der Betroffenen zählen, da mich allein der Gedanke, Teil dieser Gruppe zu sein, frustriert. In meinen (Zukunfts-)Gedanken bin ich nämlich schon genesen. Ha Ha! Bis es mich wieder einholt, ich eine schlechte Phase habe und mir bewusst wird, wie lange mein Weg noch bis zu einer Normalität sein wird – bis ich wieder spazieren gehen, im Garten arbeiten oder überhaupt arbeiten kann.
Definition
Wenn man so lange zum Nichtstun gezwungen wird, stellt man sich unweigerlich die Frage, wie man – und durch was man – sich selbst, aber auch ein gutes Leben bisher definiert hat und wie dies im gegenwärtigen Moment aussieht, in dem man vielleicht vieles nicht mehr ausüben kann, das zur Definition bisher beigetragen hatte. Man ertappt sich dabei, wie man ständig nach Dingen sucht, die man „erledigen“ kann, um anschließend sagen zu können, man habe „etwas geschafft“. Das beste Beispiel dazu ist meine Kunst. Natürlich male ich hauptsächlich, weil es mir Spaß macht, aber es hat mir für lange Zeit eben dieses Gefühl gegeben, etwas „geschafft“ zu haben, etwas Sinnvolles getan zu haben, meinem Tag an sich einen „Sinn“ gegeben zu haben. Muss denn alles immer Sinn ergeben? Wir arbeiten doch alle ein Leben lang auf etwas hin – sei es ein Eigenheim, eine Familie, ein neues Auto, Reisen … Vieles davon ist – wenn wir ehrlich sind – an monetäre Dinge geknüpft. Ich möchte nicht sagen, dass dies an sich verwerflich ist, dennoch ist damit leider oft auch Status und Selbstdefinition verbunden. Es verleiht für viele dem Leben seinen Sinn. Und genau an diesem Punkt stehe ich gerade und hinterfrage diese Ansicht.
Was ist, wenn ich in meinem Leben nichts Großartiges „schaffe“? Wenn ich mir meine monetären und nicht monetären Träume nicht erfüllen kann? Welches Ziel habe bzw. gebe ich meinem Leben? Ist mein Leben unvollkommen aufgrund meiner unkomplettierten Ziele?
Pfeiler

Ich frage mich dies deshalb, weil durch schwere Krankheit Träume und Ziele in ein anderes Licht gerückt werden und plötzlich unerreichbar scheinen. Man realisiert erst, auf welche Pfeiler man seine eigene Identität und den Sinn seines Lebens gebaut hat – bis diese zu wackeln beginnen und einstürzen. Im Gegensatz zur Einsturzgeschwindigkeit lässt es sich kaum ebenso schnell neue Sinn-Pfeiler bauen. Man hatte ja sein ganzes bisheriges Leben damit verbracht, die eingestürzten Pfeiler sorgfältig aufzubauen und hierfür jede Abzweigung in diese Richtung gewählt. Alternative Ziele sind also nur langsam aufzustellen.
Darf man als schwer kranker Mensch versuchen, seine alten Pfeiler wieder aufzustellen? Wann sollte man damit aufhören bzw. aufgeben? Ich bin (noch) nicht bereit, die Idee meiner alten Pfeiler aufzugeben, allerdings kann ich im Moment nicht daran arbeiten, sie wieder aufzustellen. Und ich weiß auch nicht, wie ich dies ändern kann. Ich habe das Gefühl, dass mir, während ich auf Genesung warte, die Zeit davonläuft, um mit dem Bauen zu beginnen – bevor es zu spät ist. Ich habe das Gefühl, dass meine Lebensjahre an mir vorbeiziehen, ohne dass ich irgendetwas davon fassen konnte.
Vielleicht liegt die Lösung in einem Perspektivenwechsel: Nicht warten, um leben zu können, sondern das Warten als Teil des Lebens sehen.
Sich Lebensinseln zu bauen: Lichtblicke, Momente mit lieben Menschen besonders zelebrieren, jede kleine gewonnene Möglichkeit an Aktivität feiern.
Vielleicht liegt die Lösung im Zeitplan der Fertigstellung der Pfeiler. Mein geliebtes Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut. In den besten Handwerksfirmen gibt es oft Lieferschwierigkeiten … und vielleicht gibt mir der neue Zeitplan die Möglichkeit, den ein oder anderen Pfeiler zu überdenken. Ob ich den wohl wirklich brauche?
Vielleicht liegt die Lösung im Vertrauen.
Vertrauen, dass ich gesund werde.
Vertrauen, dass ich meine alten Pfeiler wieder aufstellen darf – einen nach dem anderen.
Vertrauen, dass alles gut werden wird.
Vertrauen.


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